Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1870)
- Date
- 1870-10-18
- Page
- Seite 824 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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824 Sicu;u sehen und in gemeinsamer Andacht bei einem Gottesdienst in unsrer Väter Weise den "Jom-Kippur verleben zu können. In so inbrünstiger Andacht hatte wohl uocb Keiner von uns im prachtvollsten Tempel seiner Heimath gebetet als in dem kleinen niedrigen Zimmer mir zerbrochener Thür und entglasten Fenstern und mit von Granaten durchbohrten Wänden. Von Zeit zu Zeit in kleiner Entfernung von uns donnerten unsre Kanonen nacb Metz hinüber, und wir fühlten das Vergängliche unsres Daseins und das Bedürfniß uns mit unsrem Gott zu versöhnen — denn wie bald könnte es dazu zu svät sein — in der tiefsten Tiefe unsres Herzens in nie geahnter Weise, und Vielen von uns, denen die Bedeutung des Jom-Kippur innerlich bis jetzt fremd geblieben war, wird sie wohl jetzt unvergeßlich klar geworden sein. Wir verdanken diese erhebende Jom-Kippurfeier dem Mannheimer Stadt-Rabbinat, das von einigen jüdischen Soldaten der Division Kummer, welche z. Z. dem 1. Armeecorps attachirt war, gebeten, bei Excellenz v. Manteuffel anfragte, ob er geneigt wäre, den Gottesdienst für die qu. Division zu gestatten, und ob ein zur Abhaltung desselben qualificirter Amtscandidat an dem dazu designirten Orte sich einfinden dürste. Seine Excellenz ertheilte in einem telegraphischen Bescheide seine Ertaubniß mit dem Bemerken, daß es ihm zur besonderen Freude gereichen würde, wenn der Gottesdienst zu Stande käme. Darauf traf nun vor ca. 8 Tagen der Rabbinats-Candidat Herr vr. Blumenstein aus Mannheim im Hauptquartiere des 1. Corps ein, wo er die freundlichste Aufnahme und Berücksichtigung fand, und von wo er zu Herrn General von Kummer gesandt wurde, um die näheren Bestimmungen zu erfahren. Mittlerweile war die Division Kummer jedoch dislocirt worden, gehörte auch nicht mehr zum 1. Armeecorps, und da dieselbe an diesem Tage gerade in einem Gefecht verwickelt war, so erhielt Herr vr. Blumenstein eine verneinende Antwort, mit der er fich zu Sr. Excellenz dem commandirenden General zurück begab. Nun befahl dieser in dem oben erwähnten Befehl die Beurlaubung der jüdischen Mannschaften nach St. Barbe, und erschienen von den im Armeecorps dienenden 71 Soldaten einige sechzig, mehre Stabsärzte, und einige Beamte der Militärverwaltung, Alle freudig bewegt, den Jom-Kippur feiern zu können. Wie sehr die Intelligenz bei den jüdischen Soldaten vorwiegend ist, ersah man daraus, daß der größte Theil derselben aus Unterofficieren, Chargirten und einigen Freiwilligen bestand, und daß in der Versammlung ein Ton des Anstands und der Bildung herrschte, wie man ihn selten bei einem Zusammensein von eben so vielen Soldaten findet. Das Betlocal bestand aus zwei kleinen Zimmern; auf dem Misrachtisch brannten die Lichter in Flaschen gesteckt und zur Seite deffelben standen einige Gewehre; die Gemeinde selbst, aus Truppengattungen aller Art zusammengesetzt, befand sich in voller Kriegsrüstung, da sie jeden Augenblick des Allarms gewärtig sein konnte. Als Vorbeter fungirte ein Unterofficier (in seinen Civilverhaltniffen ein angesehener Kaufmann aus Thorn), der in schlichter Weise, jedoch mit innigem Verständnis, die Gebete recitirte, und Herr vr. Blumenstein sprach tiefergreifende Worte, die den Verhältnissen angepaßt, bei Vielen der Anwesenden die Thränen fließen machten. Wir schieden von einander in erhobener Stimmung und tiefe Rührung im Herzen, mit dem Versprechen uns morgen wieder zusammenzufinden. Doch leider war dies wohl 20 Kameraden nicht vergönnt, da ihre betreffenden Regimenter, die in der Avantgarde der Vorposten lagen, im Gefecht waren und ihnen kein Urlaub ertheilt werden konnte. Wir jedoch, die wir im Gros und der Reserve uns befanden, verbrachten den Tag in inbrünstiger Andacht und mit dankerfülltem Herzen gegen Gott, der uns, oft so wunderbar, vor dem nahe drohenden Tode und vor Verwundung beschützt hatte. Als die Sonne sich zum Untergange senkte, und der Donner der Kanonen anstatt der Jehovahtlänge in unser Ohr schallte, trennten wir uns wehmüthigen Trost im Herzen und doch wieder aufgerichret in der Hoffnung, daß Gott, der uns bisher behütet hat, uns auch eine glückliche Rückkehr in die ersehnte Heimath vergönnen Ich schließe den Bericht, der länger geworden als ich beabsichtigte, und dem ich trotzdem noch manchen Wunsch für die Regelung des Gottesdienstes für die Soldaten jüdischen Glaubens im Felde beifügen möchte, mit einem herzlichen Danke, den ich, im Namen aller Kameraden, dem Rabbinate resp. der Gemeinde Mannheim hiermit für die Deputirung des Herrn vr. Blumenstein ausspreche und auch diesem selbst, der die Beschwerden der Reise und viele Entbehrungen eines mehrtägigen Aufenthalts im Kriegslager nicht gescheut hatte, um seine edle Mission zu erfüllen. Mit dem Andenken an diesen Jom-Kippur, der wohl Allen von uns unver-