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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-18 · Heft 42 (18.10.1870) · p. Seite 822

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 42 (18.10.1870)
Date
1870-10-18
Page
Seite 822 (sequence 6)
Language
German
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822 mel kennen gelernt, beginnt das königliche Schreiben: „Alle Reiche der Erde gab mir der Ewige, der Gott des Himmels, und selbiger befahl mir, ihm ein Haus zu bauen zu Jerusalem." Diese Formel „Gott des Himmels" scheint der bei den Persern für den von Israel gelehrten Gott gewöhnliche Ausdruck geworden zu sein, weil wir sie so in späteren Erlassen wiederfinden. Denn desienungeachtet war der nationale Begriff aus ihm nicht geschwunden, denn es heißt in dem Schreiben des Cyrus (V. 3) weiter: „Und baue das Haus des Ewigen, des Gottes Israels, das ist der Gott, der in Jerusalem." Cyrus ließ es nicht blos beim Worte bewenden, sondern gab auch noch die vorhandenen Tempelgeräthe von Gold und Silber mit. Allein bald begannen auch wieder die feindlichen Jntriguen, die sich insonders auf die frühere Geschichte, auf den hartnäckigen Widerstand der israelitischen Könige gegen die innerasiatifchen Dynastien beriefen, und es gelang ihnen die Fortsetzung des Tempelbaues unter Cyrus bis zu Darius' Zeiten zu Hintertreiben. Erst dieser gewährte die Vollendung des heiligen Bauwerkes, und unterstützte sie mit Geld und Baumaterialien, in dem Sinne, daß daselbst dem „Gott des Himmels" geopfert und zu ihm gebetet werde „für das Leben des Königs und seiner Söhne" (6, 10). 56 Jahre später unter Artaxerxes (Makrochir) wurde dem Schrifrgelchrten Esra vom Könige die Erlaubniß nach Jerusalem mit einem neuen Exulantenzuge zu ziehen, ertheilt, und es wird 7, 11 ff. der Erlaß des Königs mitgetheilt, in welchem Esra „vollkommen kundig im Gesetze des Gottes des Himmels" benannt und den Landpflegern aufgegeben wird, ihm die nöthigen Mittel zum Bedarf des Tempels und seines Dienstes zu leisten. Esra beruft sich hier ganz besonders (V. 28) auf die Gnade, die er bei dem Könige und den Fürsten des Landes besaß. Unter demselben Könige, 13 Jahre spater, zog auch Nehemia dahin, und dieser erzählt uns (Cap. 2), auf welche Weise er, der Mundschenk des Königs, die Erlaubniß desselben erlangte, der ihn sogar mit Obersten und Rettern zum Schutze geleiten ließ. Allerdings gewähren uns diese kurzen Notizen keinen sicheren Einblick in die politische Stellung und die religiöse Einwirkung der Juden. Allein wir erfahren doch aus ihnen, daß noch immer Juden sich in hohen Muttern befanden, den Ranken der Gegner Widerstand leisteten und die Gunst der Könige für die Ansiedelung in Palästina aufrecht erhielten. Wir gewahren auch, daß zwar der Gott Israels als Nationalgvtt von den persischen Herrschern angesehen ward, daff sie ihm jedoch eine höhere und allgemeinere Bedeutung als „Gott des Himmels" beilegten. Zum Beginne dieser Abhandlung sagten wir, daß, um den Ideen der israelitischen Gotteslehre Eingang und Einfluß in die allgemeine Welt zu verschaffen, bei den dahin wirkenden Israeliten sowohl eine tiefe Kenntniß des Judenthums und hohe Begeisterung für daffelbe, als auch eine bedeutende Bildung auf dem allgemeinen wifienschaftlichen und Culturgebiete zugleich erforderlich waren. Bon der anderen Seite fragen wir jetzt, was war und ist, um eine derartige Einwirkung möglich zu machen, bei den Völkern selbst vorauszusetzen? Man wird leicht einsehen, daß dies in dem Vorhandensein liberaler politischer Anschauungen und in dem Mangel an religiösem Fanatismus bestehen mußte. Ohne diese beiden Bedingungen war den Israeliten stets jeder Weg zur Beeinfluffung außerisraelitischer Kreise versperrt. In der chaldäischen Periode, die wir hier behandelt haben, konnte von Liberalismus, von liberalen Institutionen in den Staaten und Völkern selbst keine Rede sein, sondern es kam nur auf die aufgeklärten Begriffe der Herrscher selbst an. In Despotien, wie die innerasiatischen Weltreiche waren, macht die Persönlichkeit des Herrschers Alles aus. War er von dem Stammes¬ und Kastengeiste seiner vorherrschenden Nation, erfüllt, so war es den Männern anderen Stammes nicht möglich , irgend eine hervorragende Stellung zu erlangen. Hatte er dagegen einen genug weiten Blick, um über nationale Borurtheile und Beschränkungen hinwegzusehen und in seinem Dienste alle Kräfte zu verwenden, welche und wo sie sich ihm boten, so zog er auch die Glieder anderer Nationen heran und widerstand der Opposition, die ihm hierin entgegentrat. Anders war es mit dem religiösen Fanatismus, der, wenn er die Völker belebte, auch deren Herrscher, selbst wenn sie freieren Geistes hätten fein können, gezwungen hätte, intolerant zu sein und jeden andersgearteten religiösen Einfluß strengstens auszuschließen. Aber gerade dieser Fanatismus war bei jenen alten Völkern unter der Herrschaft jener religiösen Vorstellungen, die wir oben geschildert, nicht vorhanden, und entwickelte sich erst einerseits im Christenthume und Islam, andrerseits im Conflicte des Heidenthums mit dem ersteren, wie z. B. bei den sg. Neupersern. Für beide Momente nun haben wir Beweise in den Berichten der 6 ersten Capttel unseres Buches. Nebuchadnezar wählte auS den gefangenen Juden Jüng-

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