Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1870)
- Date
- 1870-10-18
- Page
- Seite 819 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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819 Das Unheil entsteht, weil ein Bvlk sich stärker älS das andere glaubt, und wirklich es stets ein und das andere Volk geben wird, welches starker ist als seine Umgebungen. Aber Eines giebt es, was stärker ist als alle einzelnen Nationen, wovor die Macht jedes einzelnen Staates, und sei sie noch so riesig angewachsen, als ohnmächtig verschwindet — das ist die Bereinigung Aller gegen den Einzelnen. Wer es auch sei, der da an greifen, der den Krieg unter den Menschenvölkern beginnen will, wenn die anderen, oder nur viele, selbst nur mehrere der anderen ihm zurufen: Halt! wir dulden es nicht, wir ziehen die Streitfrage vor unser Schiedsgericht: so wird jener die zum Kampfe erhobenen Hände sinken lasten oder bald und leicht unschädlich gemacht sein. Dies ist das ganze Geheimniß der Zukunst. Dies ist die Erlösung, zu welcher Gott das Menschengeschlecht führen will, daß er den Schwächeren nicht mehr aus der Gewalt des Stärkeren befreit, sondern keinen Stärkeren mehr bestehen läßt vor der Allgewalt des Ganzen. Wir lesen öfter in der h. Schrift: Gott berief, erweckte Den und Den zu diesem und jenem Werke, zur Lösung dieser und jener großen geschichtlichen Aufgabe. Dies ist aber der Weg der Vorsehung, daß sie in Zukunft nicht mehr den Einzelnen erweckt und beruft, sondern die Gesammtheit, daß sie das Große nicht mehr durch Einzelne, sondern durch den Verein Aller vollbringen läßt. Der Weg dahin ist längst beschritten. Lange Zeiten hindurch bestand unter den Menschenstämmen immer eine Art Weltreich, das bald aus der Hand des einen Volkes in die des anderen nachfolgenden überging. Oder es bestanden derartige neben einander, das eine im Osten, das andere im Westen. Das Mittelalter brachte dergleichen nicht mehr zu Stande, sondern das Streben hervor, eine Menge mächtiger Staaten zu schaffen, deren Särke sich ziemlich gleich stehe und einander so die Wage halte. Selbstverständlich ging dies nicht ohne, zuerst immerfortdauernde, dann wiederholte Kämpfe vor sich. Auch war jenes Streben nach Universalherrschaft nicht so ganz verschwunden, daß es nicht von Zeit zu Zeit wieder zu einem Versuche kam, eine solche zu schaffen. Stets aber scheiterten diese Versuche an der Bereinigung vieler kleineren Staaten mit einander. Wenn sich dies factisch theils aus der Menge der Völker stämme, welche mit dem Mittelalter in das Culturleben eintraten, theils instinctiv aus dem Triebe der Selbsterhaltung machte, um sich dem Anprall einer nach allgemeiner Herrschaft strebenden Macht entgegenzuwerfen : so gehört es der neueren Zeit an, daß dies immer mehr zum Bewußtsein der Völker kömmt. Die Annäherung, die wachsende Verschmelzung, die Jdentificirung der Interessen, die sich von Tag zu Tag unter den Völkern, den fernen und nahen, steigert, die Abschwächung und Beseitigung roher und brutaler Sitten und Leidenschaften und das sich entwickelnde religiöse und sittliche Bewußtsein wecken in den Menschen immer mehr den Abscheu vor dem Kriege, die Verdammung des Friedensstörers, den Widerwillen vor dem Angreifer. Dann aber stellt sich als das einfachste Mittel sehr bald der Gedanke ein, daß, wer es auch sei, durch die Vereinigung der anderen, durch das thatkräftige Einschreiten der anderen jener leicht zum Schweigen und zur Ruhe gebracht werden würde. Wir brauchen nicht erst nachzuweifen, wie lebendig dieser Gedanke, selbst schon in den schlichtesten Menschen, 1866 und vor dem gegenwärtigen Kriege war. Meint man aber wirklich, daß dieser Gedanke, wenn er erst die Mehrheit der Menschen auch nur in einem Welttheil durchdrungen hat, ohne Erfüllung bleiben werde und könne? Solch' ein Gedanke, bei dessen Verwirklichung jede einzelne Familie des gesammten Welttheiles betheiligt ist, hat eine unüberwindliche Kraft und nöthigt Regierungen wie ganze Kasten, ihre Neigungen und Absichten aufzugeben. Statt der Berufung und Erweckung Einzelner, um Werkzeug der göttlichen Vorsehung zu sein, wird diese die Vereinigung Vieler und endlich die Gesammtheit zu ihrer Stellvertretung auf Erden berufen, und diese wird es sein, welche fortan das Erlösungswerk aus jeder Gewalt eines Stärkeren, aus Kampf und Krieg, in Recht und Billigkeit vollführen wird. Auch dies gewahren wir bereits auf anderen Gebieten. In Wissenschaft und Industrie, in allen geistigen und materiellen Sphären haben die Einzelnen jene beherrschende Stellung bereits verloren, welche sie früher besaßen, und wodurch die Wirkung einseitig und vereinzelt ward. Ueberall wird jetzt durch Bereinigung und Massenhaftigkeit gewirkt, und das Einzelstreben ist zwar berechtigt und anerkannt, geht aber in die Gesammtheit auf. Dies ist eine Bölkerpredigt Israels an die Menschheit, denn von Anfang an ging im Judenthume die Individualität in die Gesammtheit auf und besaß nur die Autorität, die sie aus der Gesammtheit zog. Es kommt also nur darauf an, daß dieses Bewußtsein: der Krieg des Stärkeren gegen den Schwächeren sei nur möglick, 42*