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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-18 · Heft 42 (18.10.1870) · p. Seite 818

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 42 (18.10.1870)
Date
1870-10-18
Page
Seite 818 (sequence 2)
Language
German
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818 gegangen, sollte uns nicht Bürgschaft sein, daß es den Nationen und Staaten nicht ebenso ergehen werde, welche in u n-s-e r-e-r Zeit ihre Stärke für gewaltiger halten als die anderer, und nur darauf sinnen, die Grenzen ihrer Gewalt zu erweitern und ihrer Nachbarn Gebiet theilweise oder ganz sich zu unterwerfen? Nein, Niemand zweifelt daran. Wir haben es in diesen Tagen vor unseren Augen erlebt. Hätte Frankreick jemals Deutschland angegriffen, ihm mitten aus dem Frieden den Krieg erklärt, wenn es sich nicht für stärker gehalten, und diese seine vermeintliche Stärke zur Losreißung dieses und jenes Theiles des deutschen Gebietes und anderer Nachbarländer verwenden wollen? Das ist der große Vorzug uralter Weisheit, daß sie mit wenigen und einfachen Worten den ganzen Kern der Dinge und Verhältnisse bezeichnet und offenbart, während der spätere und moderne Redner nicht Worte und schöne Phrasen genug finden kann, um damit das Wesen der Sache mehr zu verhüllen als aufzudecken. Der sich für stärker hält, ist der Angreifer, und die Gewalt ist es, die er erstrebt. Und aus dieser erlöset Gott. Denn zuerst ist diese vermeintliche größere Stärke oft nichts als Selbsttäuschung, Dünkel, Hochmuth, und der heraufbeschworene Krieg erweiset die Hohlheit und innere Marklosigkeit, und so werden die Völker erlöst von dem Prahler und Pocher, der mit eigener Hand zerstört, was ihm an Starke geblieben war. Oder der anwachsende Coloß dehnt sich immer weiter aus, bis er die einander entgegengesetztesten Elemente als Glieder sich eingefügt hat, bis durch die Menge der letzteren jeder organische Zusammenhang fehlt, alle seine Starke nicht hinreicht, die zusammengerafften Waffen länger aneinander zu schnüren, und er zuletzt unrer seiner eigenen Größe zusammenbricht. Oder es kommt eine neue Kraft, nämlich eine neue Ädee auf, welche die Menschen begeistert und entflammt, und eine Stärke erlangt, vor welcher alle äußeren Gewalten weichen und schwach werden, und so erlöst diese Idee, die von Gott stammt, die unterworfene Welt aus der Gewalt deffen, der bis dahin der Stärkere war. Und wie viele andere Hülssmittel und Wege stehen der göttlichen Vorsehung zu Gebote, um den Druck der brutalen Gewalt nach kürzerer oder längerer'Dauer zu brechen und die Schwächeren zu erlösen! Das Wort des Propheten ist insonders an Israel gerichtet. Da ftägt man: nun, ist denn dieses erlöst worden auS der Gewalt derer, die stärker waren als eS? Fiel nicht Jerusalem vor dem Chaldäer und vor dem Römer? Führte jener es nicht in die Gefangenschaft, dieser in die Zerstreuung? Doch nein, man frägt nicht st», denn diese Frage wäre thöricht. Ja, das israelitische Volk war eines der schwächsten und kleinsten; es fand auf seinem Wege wenige, die es an Größe und Stärke übertraf. Dennoch widerstand es viele Jahrhunderte, und die stärker waren als es, hat es Alle schwinden sehen; der Chaldäer wie Römer sind längst untergegangen, und all' die finsteren Mächte des Mittelalters , die es in Feffeln schlugen, und die unendlich stärker waren als es, sind in das Reich der Schalten niedergestiegen — auch in diesenTagen erst eine der ältesten und furchtbarsten — so ward es stets erlöst, und freut sich heute nicht blos des Lichtes des Tages, sondern auch der Freiheit. Denn wenn es auch als geschloffenes Volk, als die Nation eines begrenzten Landstriches nicht mehr besteht, so fehlt ihm doch nicht der Gedanke der Einheit, und selbst die einheitliche geschichtliche Abstammung ist ihm noch immer erhalten. Sein Geschick war stets daffelbige, und ist dies in der Wesenheit noch heute, so weit seine Glieder auch zerstreut sind. Das Wort seines Propheten hat sich an ihm erfüllt. Aber es ist zum Lachen oder zum Beweinen: was die höchste Weisheit lehrt, und die Geschichte in tausend Beispielen erweist, die Menschen beachten und befolgen es nicht. Wer heute von einem Stärkeren angegriffen, und aus deffen Gewalt erlöst worden: morgen, da er sich als Sieger fühlt, thut er desgleichen und verwendet ungescheut und ungewarnt seine Stärke zu ähnlichem Werk. Oder während vor den Augen einer anderen Macht solch ein Beispiel vorsichgeht, denkt diese bereits ihrerseits auf einen vermeintlich schwächeren Nachbar sich zu stürzen, um ihn in ihre Gewalt zu bekommen. Da frägt man: was nützt es, daß Gott immer wieder den Schwächeren erlöst, daß die göttliche Vorsehung diesem durch eigene Kraft und günstige Umstände den Sieg verschafft, wenn das Spiel immer wieder von vorn beginnt, und die Folgezeit nur in einer anderen Gestalt dieselbe Erscheinung abermals heraufführt. Diese Frage besteht wohl für Den in ihren ganzen Schärfe, welcher die Dinge in immer gleicher Weise sich abkreisen sieht und in der ganzen Geschichte der Menschheit nur den Tummelplatz derselben Kräfte und Leidenschaften erblickt; nicht aber für Den, welcher aus hundert in ähnlicher Art verlaufenden Beispielen doch eine neue Gestaltung, eine sich entfaltende und entwickelnde Schöpfung allmälig hervorgchen gewahrt.

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