Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1870)
- Date
- 1870-10-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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34. Jahrgang. Allgemeine JW 42. Zeitung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. H er au s z eg eb e:: von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon in Bonn. Leipzig, den 18. October 1870. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal DierrstrgS, in 2 bis 2>/r Dogen. Preis deS Jahrgangs 4 Thlr. Inserat! werden mit I >/, Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle ^Buch^aiwlungen, Postämter und , , Thlr. Vierteljährig 1 Thlr. >— .....— —-,-0„„ -- — --Igs-Exvedilionen nehmen Befiel«; der Haupt-Expednwn für beide Letztere hat sich das Königt. Sächs. Haupt-Zeitungs-Bureau unterzogen. Inhalt. Leilende Artikel: Eine Bölkcrpredigr. — Die erste Hälfte des Buches Daniel. V. — Ein Jom- Kippur im Kricgs- Zeitnngsnachrichten: Deutschland: Berlin. Bon der Oder, Glogau. — Oösterreichischungariscbe Mo - narchie: Pest. — Italien: Rom. — B elgien: Brüssel, Serbien: Belgrad. Feuilleton-Deilage: Gebete während des Krieges. XV. — Zur Geschichte der Judenverfolgungen und der Blut-Jubiläen. (Fortsetzung'. Leitende Artikel. Bonn, 9. October. Eine Völkerpredizl. Der Prophet Jeremias (31, 11) spricht das kurze Wort aus Z-7N T73 iri»! „Und der Ewige erlöst das Volk ans der Gewalt des Stärkeren als es." Dieses Wort ist übergegangen in das tägliche Gebet des Israeliten und stießt allabendlich als Trost und Zuversicht von den Lippen des Betenden. So erkannte das Judenthum diese wenigen Worte als eine Botschaft cm die Völker, als den inhaltsschweren Text zu einer 'großen Völkerpredigt. „Aus der Gewalt des Stärkeren als es." Hierin liegt die Erkenntniß und das Bekenntniß, daß es ein stärkeres Volk, eine mächtigere Nation giebt, und dieses Zugestandniß, bestände es in allen Völkern, würde jeden Krieg, jeden gewaltthätigen Kampf verhindern. Denn nur der Glaube größerer Macht und Stärke bewirkt den Krieg; und um was handelt es sich hierbei? Um die „Gewalt"; nicht um Fülle des Geistes, um Reinheit der Sitte, um Entfaltung künstlerischer Anlagen, um Großartigkeit der geistigen und materiellen Arbeit, sondern um nichts als — die rohe Gewalt, höchstens durch die Ruhmsucht und die Raubsucht mit Etwas beseelt, was dem Geiste ähnlick sieht. So lange es also ein Volk giebt, welches sich für starker hält als das andere, wird es dasselbe zu beherrschen, ihm Vortheile abzuringen, es in feine Gewalt zu bekommen suchen, so lange wird es an Krieg und an Vorwänden zum Kriege nicht fehlen; man wird sogar den Angriff als eine Vertheidigung aufftellen. Dasjenige Volk aber, welches sich für weniger stark als das andere hält, wird den Frieden sich zu erhalten suchen, so lange es irgend geht, wird sich nur schwer zum Kampfe entschließen, ihn nur als letzten Ausweg wählen. Sei es aber, daß immer wieder ein Volk in seinem Hochmuth sich stärker fühlt als andere Nationen, diese sich zu unterwerfen den Kampf beginnt und darin glücklich ist: der Prophet lehrt uns: aus der Gewalt dieses Stärkeren erlöset Gott! — Daß es so sei, wissen wir. Es giebt kein Volk, welches mit der Gewalt der Waffen andere unterworfen und unterjocht hatte im langen Laufe der Geschichte, das noch besteht, dessen Gewalt nicht wieder zerfiel und zertrümmert ward, dessen Herrschaft nicht zu den vergangenen Schatten, zum Reiche der Todten gehört. Und dieser wunderbare Wandel, der über alle, auch die stärksten und ausdauerndsten Völker