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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-11 · Heft 41 (11.10.1870) · p. Seite 815

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 41 (11.10.1870)
Date
1870-10-11
Page
Seite 815 (sequence 19)
Language
German
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815 Delebis nomen Judaei sub coelo, cave, non obliviscaris!1) — Solche Worte, aus dem Munde eines allgemein verehrten Priesters gesprochen, konnten natürlich nicht.ohne Folgen bleiben. Und in der That, die Folgen waren gräßlich, haarsträubend. Denn kaum hatte der Gottesdienst sein Ende erreicht, als mit wildem Geschrei ein wüthender Lolkshaufe aus der Kirche hinausstürzte, zuvörderst auf die gegenüberliegende Synagoge sich warf, um dieses neue Gebäude von Grund aus zu zerstören; dann aber in's Judenviertel') «Ghetto) strömte, woselbst viele Stunden lang nach Herzenslust geplündert, demolirt und — o Schauder! — auch gemordet wurde. Die Grausamen kannten kein Mitleid, kein Erbarmen; sie schonten weder die ältesten Greise noch die zartesten Kinder und Säuglinge. Alles was ihnen, — weil nicht durch Flucht und schnelles Verbergen gerettet, — unter die Hände kam, ward ohne Weiteres niedergemetzelt. — Welch grausiges Bild! Die Lust, erdröhnend vom Angstgeschrei der Fliehenden, der Boden, rauchend vom Blute der Sterbenden, und wohin das Auge blickt, — Nichts als arg zertrümmerte Geräthschaften und geschlachtete Menschen! — Endlich des Würgens satt und des Zerstörens müde, wollten die Unmenschen die blutige Stätte verlassen und heimwärts ziehen, wurden aber von einem Mönch, der das noch schlagende Herz eines eben getödteten jungen Israeliten an die Spitze einer Pieke gesteckt hatte und als Troph äe vor sich her trug, aufs 'Neue sanatisirt und — unter Hinweisung aus Gott und den Gekreuzigten — dringend ausgerusen, noch nicht zu weichen, vielmehr die Geflüchteten zu verfolgen, die Verborgenen auszusuchen und das Hinopsern der gottlosen Juden ohne Schonung und Milde sortzusetzen?) — Das Wort des Ordensbruders zündete, die Menge war bald wieder angefeuert, das Werk des Vandalismus, kaum eingestellt, begann von Neuem. Aber es sollte nicht mehr lange dauern, und hatte auch, dem Himmel sei Dank, gar bald sein Ende gefunden. Denn edelgesinnte Ritter sowohl als auch menschlich fühlende Bürger kamen herbei geeilt, stellten sich auf die Seite der Ueberfallenen und verließen nicht eher das Ghetto, bis die Räuber und Menschenschlächter völlig vertrieben, die dem Tode entronnenen Juden aber ganz gedeckt und gesichert waren. — Trotz dieses edlen Schutzes aber, der den Juden zu Theil wurde, wagten diese es dennoch nicht, in der Stadt oder auf dem Lande sich zu zeigen, weil — wenn auch Tod und Verderben ihre Häuser, — so doch Furcht und Bangen ihre Herzen noch nicht verlassen hatten. Sie blieben daher zwischen ihren Pfählen, wo diese überhaupt ') „Vertilgen sollst Du den Namen Jude unter dem Himmel; hüte Dich, daß Du es nicht vcrgisiest!" 2) Das Judenviertel ober die „Zud'enstadr" soll damals bis an's Gehöfte des Dominicanerklosters gegrenzt haben. 3) Dem Sterbenden hieß er die Wone zurufen: kraestat mori, quam peccari! «Besser sterben als verderben noch bestanden, so gut, wie eingekerkerl sitzen, und was sie hierbei noch am meisten drückte und unglücklich machte, es war der traurige Umstand, daß sie gar nicht einmal wußten, an wen sie mit ihren Bitten und Vorstellungen sich wenden sollten, um für den Augenblick Freiheit und für die Zukunft dauernden Schutz zu erlangen. Denn der Woyewode'« war kur; vor der Katastrophe gestorben, der Bischof von Posen ganz und gar unzugänglich — und der c nigin weiter Ferne. Die Unglücklichen überlegten und berieihen lange, ohne es zu einem Resultat zu bringen. — Inzwischen kam das Jahr 1370, mit ihm aber der härteste Schlag für Polen, der Tod nämlich des besten und edelsten Königs, der je auf dem polnischen Throne gefesten, der Tod Casimirs 111., welcher, wie keiner seiner Vorgänger und Nachfolger, ein Gönner und Beschützer der Juden gewesen. Dieser große Monarch war kinderlos gestorben und fein Schwestersohn Ludwig l. cor. Ungarn, ein eben so bigotter als herzloser Mann, ihm auf dem Throne gefolgt. Nicht lange nach seinem Regierungsantritte machte Ludwig von der Residenz Krakau aus eine Rundreise durch das Polenland und kam so auch nach G nefen, das nur wenig Beeilen oon Posen gelegen. Diese Nähe ward denn von der dar: bedrängten Posener Judenschaft auch bald benutz:, um ihre Wünsche demüthiglich zu den Füßen des Regenten niederzulegen. Doch die Bittenden wurden schnöde zurück gewiesen. Ludwig meinte, daß es ihm als König nicht zukäme, in die „Händel einer Judengemeinde mi: dem Klerus" sich zu mischen, und daß er, der weltliche Herrscher, am wenigsten in der Stellung wäre, den heiligen Dienern der Kirche etwas ge- oder verbieten zu können. Wer gegen einen Orden, ein Kloster, eine Kirche irgend eine Beschwerde anzubringen häne. der müßte — so erklärte der Polenkönig ausdrücklich. — direct an die höchste kirchliche Macht, an den Stuhl Petri, sich wenden. — Hiermit war den Juden Posens der Weg, den sie einzuschlagen ballen. deutlich genug angewiesen, und sie zögerten auch gar nicht lange, denselben — so gewagt er ihnen auch erschienen sein mochte — mnthig und beherzt zu betreten. > Schnell ward in vier der weisesten und umsichtigsten Männer eine nach Rom zu entsendende Deputation ennannt, vorher aber schon an die Judengemeindc in Italien das dringende schriftliche Gesuch gerichte:, sich ihrerseits mit den polnischen Glaubensbrüdern zu verbinden, um vom Papste zu Gunsten der Juden Posens eine huldvolle Intervention zu erbinen. — Um die Dritte des Monats Juni 1371 von Posen abgegangeu, hatten die dasigen Sendboten nach «.<■ tägiger *) Der von Wolst u n nämlich, welcher razuiiun >n:ci; der Patron (Schutzherr) der po'ener Inden geweien. 2) Lasimir III., der Große (1333-—1:;"«).) 3) „Bis zur geschehenen päpstlichen Entscheidung" — alu eben nur bis dahin — hatte König Ludwig «aus'erneueries dringendes Bitten der Juden) endlich doch „Be'cbüyuna des Lebens und Vermögens" zugesicherr. «Phpla't.;>2>.

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