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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-11 · Heft 41 (11.10.1870) · p. Seite 814

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 41 (11.10.1870)
Date
1870-10-11
Page
Seite 814 (sequence 18)
Language
German
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schüttelt werden, wenn über Länder die Vernichtung, über Städte die Zerstörung fällt, wenn Tod und Verderben über Hunderttausenden schweben — wie wäre unser Herz bei den stillen Zeugen ruhigen Glückes, milder Wohlfahrt? .. O Gott, so mögen sie uns zu Zeichen der Zukunft, zu Bürgen des wiederkehrenden Friedens — o Gott, des nahen, des baldigen Friedens sein, desien „Füße wir gewahren auf den Höhen des Glücksboten, der Frieden kündet, Frieden bringt!"' Hebet die Palme empor, denn unsre Sieger kommen, mit denen Gott gewesen zu unsrem Schutze, Er hat sie groß und stark gemacht in Kampf und Sieg — schmücket mit Myrthe ihre Helme, denn zu einem schutdlvsen Kampfe zogen sie aus und kehren wieder, nicht trunken der Blutarbeit, nicht verlangend nach neuer, sondern aufrichtigen Herzens des Friedens froh — mögen sie bescheiden sein wie die Weide, denn der Sieg kam von oben — menschenfreundlicher Gesinnung, wie deren Symbol, der Esrog! Wohl, Du großer, erhabener Weltengeist! das Fest begehen wir nach dem Werke der Schrift, nach dem Brauche der Vater; all der hohen Gedanken voll, die es enthält zu ewiger Belohnung — und Du wirst es gnädig verzeihen in Deiner Huld, wenn wir diesmal nicht frohlocken und jubeln, sondern nur still der Hoffnung leben, die es uns reichet, daß der Friede kommt, und die Hütte Deines Friedens sich wieder breiten werde über uns und Israel und das Vaterland und die ganze Menschheit. — Amen. Zur Geschichte der Judenverfolgungen und der Blut-Jubiläen. Bon Louis Wevt in Franksurr a. d. Oder. «Fortsetzung). Pater Johannes Riczywol,') — ein so fanatischer und systematischer Feind und Dränger der Juden, daß er (in Bezug aus Posen namentlich, der Ham an des 14. Jahrhunderts genannt werden kann — gehörte in der in Rede stehenden altpolnischen Stadt zu den frommen Ordensbrüdern von Sanct Dominik, welche es durchaus nicht ertragen und verschmerzen konnten, daß die Juven anno 1365 dem Dominicanertloster gerade gegenüber eine neue Synagoge aufgebaut hatten?) Jahre lang waren die zelotischen Mönche — mit der Anwendung aller ihnen zu Gebote stehenden offenen und geheimen Mittel — eifrigst bemüht gewesen, den beabsichtigten und auch bereits begonnenen Bau zu hintertreiben, welcher aber endlich doch zur Vollendung kam, ') So ist auch in der vorigen stummer zu lesen, wo irrrhümlich Biczywot steht. Ebenso ist in Anm. 1. S. 796 fiir schlechtichwar; zu lesen schlechtweg. 2, Jetzt befindet sich gleichfalls eine an dieser Stelle. weil die Judengemeinde in Posen sich auf ein Privilegium stützen konnte, das ihr vom Könige Casimir dem Großen selber verliehen worden war?) Die Synagoge stand da und warf, zum größten Verdruß und Aerger der Dominicaner, ihre Schatten in den Hof des Klostergebäude s. — Was war nun zu thun? — Da trat denn der Ordensbruder Johannes mit seinem, bisher verborgenen und verbiffenen grimmigen Haß gegen die Juden zum ersten Mal ganz offen hervor — und zwar in einer Predigt, die er am Charfreitage des Jahres 1369 in der Klosterkirche halten zu dürfen vom Bischof selber die besondere Erlaubniß nachgesucht und bekommen hatte. — Er begann seinen Vortrag damit, daß er heute im Namen nicht nur, sondern sogar im directen Aufträge des Glaubensstisters spreche, daß er eine Apokalypse zu entdecken, eine neue Offenbarung zu machen habe rc. :c. — Er schalt seine Gemeinde lauter Schlafende und Träumende, die nicht wüßten, was um sie her vorginge, keine Ahnung davon hätten, wie nahe sie schon dem Verderben wären, vas sie nur selber sich bereiteten, indem sie eine giftige Tarantel am eigenen Busen nährten, mit dem Satan sorglos spielten — und noch mehr dergleichen. Endlich ruft der begeisterte Prediger mit donnerähnlicher Stimme aus: „Sagt, wer hat euern Heiland gekreuzigt? wer entweihet jetzt noch eure geweihten Heiligthümer? wer mordet der Gläubigen unschuldige Kinder?" — Lange, todtenstille Pause. — Da schreit Der Redner mit Wuth: „Wer? die Juden sind's, diese verdammten Barbaren, denen ihr euch blind anvertrauet!" — Und nach kurzem Jnnehalten fährt er fort: „In Aegypten schlachteten sie ein Lamm, um den Genius der Aegypter zu morden; heute stechen sie in geweihete Hostien und zapfen das darin fließende Blut Christi, um damit ihren brennenden Durst zu löschen." — Hierauf fordert er seine Gemeinde auf, sich zu erheben und zu rächen „die Verachtung des Vaters, die Marter des Sohnes und die Beleidigung des heiligen Geistes," — strafende Vergeltung zu üben für die „Mißachtung des Abendmahls" und namentlich nicht gleichgültig zu sein bei der Erbauung einer „Synagoge, von deren Schatten der Glanz einer christlichen Kirche verfinstert" würde. „Waschet," — ruft der fanatische Dominicaner der andächtigen Menge zu — „waschet die Flecken eurer Sünden mit dem siedenden Blute der Gottlosen und opfert ihr Vermögen der Gottheit auf! Die Allmacht gebietet Rache, und der Sohn verspricht Seligkeit!" — Zum Schluffe endlich an die Kirchenväter sich wendend, ruft er diesen zu, daß ihnen namentlich die Allmacht gebiete: ') Dass sie aber ihre Rechte aus Grund ebn dieses Privilegiums, den Dominicanern gegenüber, mit Erfolg geltend machen lonnien, hatten die Juden Posens (nach Phylakterium VI.) lediglich der Dazwischenlnnfr des Woyewod envon W olstyn zu danken, der human genug war, der bedrängten Gemeind sich anzunehmen, und gerecht genug, ihre Feinde durch ange drohte Strafen in Schranken zu halten.

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