Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-11 · Heft 41 (11.10.1870) · p. Seite 816

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 41 (11.10.1870)
Date
1870-10-11
Page
Seite 816 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3226744-3226786--28821-3302682
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

816 Reife bie Stadt Venedig erreicht und hier schon dienizen Männer bereit gefunden, welche seitens der italienischen Gemeinden erwählt worden waren, um die Deviation zu verstärken resp. zu vervollständigen?) Aber nicht nach der Siebenhügelstadt, wie man in Polen geglaubt hatte, sollte der Weg der jüdischen Delegnien gehen, sondern nach Avignon im südlichen Frankreich, wohin — wie sollten die Juden von Posen dies auch wissen? — seit 1309 schon der päpstliche Stuhl verlegt worden war. Wer den letztern im I. 1371 inne hatte, war Gregor XL., (der Gründer des Baticauir) und zu diesem reiste nun, mit einem warmen Empfehlungsschreiben an den Cardinal Corigliano versehen,^, die vereinigte polnisch-italienische Judengesandtschast ab, um ihrer großen Mission sich zu entledigen. — Am September 137! am Ziele ihrer Reise angelangt, mußten die auserwählten Männer aber noch volle 1" Tage warten, ehe es ihnen vergönnt war, vor dem Papste zu erscheinen und demselben ihre Bittschrift zu überreichen.' , Noch einmal 10 Tage vergingen, und es ward ihnen durch den Cardinal Cyrilius im Namen des Papstes eröffnet, daß ein besonderes Collegium ernannt sei, in dessen Gegenwart sie — nach Verlauf von wiederum 10 Tagen — nicht bloß einer gründlichen Rechtfertigung aller den Juden zur Last gelegten Vergehungen, sondern auch einer Disputation über einige sehr wichtige Glaubenspunkte sich zu unterziehen härten.') Bebenden Herzens vernahmen unsere Juden )iese Ankündigung, hüteten sich aber gar sehr wohl, durch Miene oder Bewegung auch nur im Entferntesten zu verrathen, daß die Sache ihnen unerwartet oder gar unerwünscht käme. — Der festgesetzte Tag erschien, — es war der 5. des Monats October, — und Rabbi Elkana, welchen die Gesandtschaft zum Sprecher erwählt hatte, disputirte eben so wacker mit den hochgelehrten Kirchenvätern, als er beredten Mundes alle die ') Nach einer unserer Duellen erfuhren hier die Posenschen Detegirtcu;n ihrem nicht geringen Schrecken, daß die im Dominieanerktoster;uPosen offenbarte ApokalypsedesJohannes auch schon in Italien wie im ganzen Süden bekannt wäre und oie Obersten des Ordens vom heit. Dominicus dazu veranlaßt därte, an den Papst sich mit dem Gesuche zu wenden, von seinem Tdrone herab eine „Lerordnung gegen die Juden" zu erlassen. st Dieser Name ist für Gregor XI. nur insofern richtig, als er den längst bestehenden «von Constantin dem Großen herrnhrenden) mächtigen Palast restaurirte und zur päpstlichen Residenz einrichtele — was Ende 1377 geschah, in welchem Jahre er «Gregor, den päpstlichen Sitz von Avignon wieder nach Rom zurückoerlegt hatte. -9 Das Schreiben war vom Bruder des Cardinais, der in Venedig als päpstlicher ^Nuntius residirte. «Phyl. VII.) 4) Die Ueberreichung des Petitums war von einer kurzen, aber gediegnen Ansprache begleitet welche höchst wahrscheinlich von dem später erwähnten R. Elkana gehalten worden ist. st Das gedachte Collegium war aus 6 Mitgliedern zusammengesetzt, zu denen 3 Cardinäle gehörten. grausamen Beschuldigungen, so man von jeher auf den Nacken der Juden gewälzt hattet) als boshafte Erfindung darzustellen und in ihr elendes Nichts zurückzuweisen wußte. Nicht weniger als 16 Tage sollen die Verhandlungen gedauert haben, welche alsdann, ausführlich und gewissenhaft zu Protokoll gebracht, dem Papste vorgelegt wurden, auf daß von ihm das Wort der Entscheidung gesprochen würde?) Und wie fiel dieses aus? So gnädig und so huldreich, wie es dazumal wohl kaum Einer zu ahnen und zu hoffen gewagt hätte. Die Antwort des Papstes war die an alle weltliche wie geistliche Höfe und Behörden erlassene Verordnung: Daß fortan die Juden aller der Bezüchtigungen, so aus blindem Aberglauben und bloßem Borurtheil ihnen aufgebürdet worden, entledigt bleiben sollen und daß die Priester gehalten seien, fürderhin nur Liebe gegen alle Menschen, Achtung und Frieden für Christen sowohl als auch für Israeliten zu predigen. Mit einer Abschrift der päpstlichen Verordnung und den nöthigen Documenten über dieselbe versehen, schickte sich die Deputation schon am 30. October zur Rückkehr in die Heimath an, welche letztere von den Posen'schen Mitgliedern aber erst eine Woche nach Antritt des Jahres 1372 glücklich erreicht wurde. — Die Freude in den polnischen Judengemeinden war ungemein groß, wurde aber noch dadurch vergrößert und erhöht, daß König Ludwig, von der päpstlichen Verordnung animirt, das General-Privilegium, welches der große Casimir den Juden seines Reiches ertheilt hatte, nicht bloß in allen Punkten bestätigte, sondern sogar noch um einen höchst judenfreundlichen Artikel vermehrte und namentlich durch den Schlußsatz verherrlichte, „Daß hinführo alle Edelen und Bürger des Reiches, so den Juden Gewalt anthäten, gewärtig sein sollten, ihrer Güter und Besitzthümer, wenn sie nämlich des Unrechtes überwiesen seien, ganz und gar verlustig zu werden d. h. an die königl. Kammer anheim fallen zu sehen." st Gebrauch des Chrifienbluts, Verfluchung des Kreuzes, Schändung der Hostien u. m. dgl. *) Das Protokoll war sehr umfangreich und zerfiel in 2 Theile, die R echtfert i guug und den Gl a ubens-Dispnt. Was die erst er e anlangt, so haben derselben später nicht nur die beiden spanisch-jüdischen Schriftsteller Cardoso und Jsaacns Vir in ihren „zur Abwehr gegen judenfeindliche Angriffe" versaßten Schriften, sondern auch die Judenältesten von Metz in dem großen Proeeffe sich bedient, der ihnen und ihrer Gemeinde im 17. Jahrhundert durch sogenannte Bilbulim verursacht worden war. — Der fragliche Gegenstand ist so interenant, daß wir auf denselben spater einmal nicht nur wieder zurückznkommen, sondern sogar etwas einzugeben gedenken. — (Fortsetzung folgt.) Verlag von Baumgärtuer's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von 3. D. Hrrschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.