Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1870)
- Date
- 1870-10-11
- Page
- Seite 807 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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807 gegenzutreten, mag dieselbe aus einer christlichen oder jüdischen Quelle geflossen sein. In einer der jüngsten Nummern der „Neuzeit" versucht Herr Szanto den Friedensherold zu spielen, und richtet „an die Israeliten Ungarns" einen Ausruf zur Versöhnung, dessen Geist die gesch. Leser durch den folgenden Passus am besten -eurtheilen können. Nachdem Herr Szanto die bekannte Fabel des Jotham (Richter 9, 8) angeführt, fährt er am Schlüsse fort: „Das Feuer ist in diesem Dornstrauche vorhanden, denn der Schulchan-Aruch ist unerbittlich, nachsichtslos und aller Gewissensfreiheit bar. Der Schulchan- Aruch befiehlt jeden Uebertreter des geringfügigsten Gesetzes wie einen räudigen Hund todtzuschlagen. Der Schulchan-Aruch verträgt sich nicht mit der Vaterlandsliebe, mit den Landesgesetzen und am wenigsten mit der in diesem Statute mit so vieler Prahlerei hervorgehobenen Gewissensfreiheit." Ich glaube, daß die Denunciation noch viel eher einen Platz in der Wiener „Kirchenzeitung" als in einem jüdischen Blatte finden müßte. Die gcsammte neuere apologetische Literatur der Juden von Mendelssohn an hat nachgewiesen, daß Eben hacser und Choschen Mischpat, Jore Dcah und Orach Chajim des Vortrefflichen Vieles enthalten, daß die Hochhaltung dieser Gesetze mit der Vaterlandsliebe und den Landesgesetzen nicht in Widerspruch steht. Will Herr Szanto über die Juden in Polen und Rußland, im Oriente, in Italien und besonders England den Stab brechen und sie als Baterlandsfeinde brandmarken, weil sie noch den Schulchan-Aruch in allen religiösen Dingen und vielen Verhältnissen des Lebens als Führer und Richtschnur betrachten'? Nein, wer so spricht, taucht nicht zur Vermittlungsrolle; kein Ankläger darf als Vertheidiger auftretcn. Wenn Herr Szanto den Juden in Oesterreich nützen will, so rathen wir ihm, lieber die Feder niederzulegen, als sich weiter in herostratistischer Weise über Judenthum und Juden zu äußern, wie er cs jetzt so häufig thut. Ofen, 25. Sept. (Privatm.) Einige hiesige Israeliten hatten die Absicht eine eigene Betgcnossenschaft zu bilden, und ihre Andacht in einem eigens dazu adoptirten Privathause zu verrichten. Auf Grundlage des $ 11 der Organifirungsstatuten des Landescongresses hat die Ofener Stadthauptmannschaft die Errichtung eines solchen Bechauses verhindert. Frankreich. Paris, 8. Sept. (Privatmitth.) Im Handumdrehen, ohne Widerstand und Kampf, ist hier die Republik proclamirt worden, eine provisorische Regierung hat sich ernannt. Niemand kann dies als ein welthistorisches Ereigniß anerkennen, wie derselbe Vorgang 1792 und 1848 immer erscheinen wird. Wohl wird der Sturz des Kaiserreichs als ein großartiges Ereigniß betrachtet werden müssen, nicht aber diese Ereirung der Republik. Daß zur Einsetzung der letzteren nichts weiter nothwendig war als die Enffernung der Kaiserin und der Minister, beweist, wie cs bei den Franzosen gar keine Principien mehr giebt, wie ihnen im Grunde die ganze innere Politik gleichgültig ist, und sie sich heute zu dem bekennen, was sie gestern noch verabscheuten und zurückwiesen. Die Männer der provisorischen Regierung, so chrenwerthe und bewährte Männer auch die meisten derselben sind, zeigen sich denn auch bis jetzt als die bloßen Erben und Nachfolger des Empire. Dieselben Fanfaronnaden, dieselbe Selbstüberhebung, dieselben Uebertreibungen und Lügen im Dienste dieser, derselbe Unsinn in der Forderung an die Deutschen, ruhig über die französischen Grenzen zurückzugehen und um Frieden zu bitten, dieselben Austrcibungsdcfehle und Völkerrechtswidrigkeiten, dieselbe Verschwendung von Geld und Blut an eine verlorene Sache. Wer kann ihnen daher eine günstige Zukunft vorher sagen'? Ob sie nach Innen Gutes und Dauerhaftes zu leisten im Stande sein werden, ist ebenfalls sehr fraglich. Hiergegen spricht nämlich die etwas bunte Zusammensetzung und die Vielköpfigkeit, welche sofort hindernd in den Weg treten wird, sobald es gilt, nicht einzelne liberale Maßnahmen, sondern dauerhafte Zustände begründende Entschlüsse zu fassen. Es gehört wenig Scharfblick dazu, um die Wogen des Sturmes, der aus den verschiedenartigen Elementen der Regierung mit Nothwendigkeit erfolgen muß, schon jetzt heraneilen zu sehen. Beiläufig will ich nur bemerken, daß eines dieser Streitelemente die Stellung der Eulte ausmachen wird. Denn im Schoße der provisorischen Regierung giebt es einige sehr konservative Katholiken, wie Trochu und Favre; dagegen auch äußerste Republikaner, welche die Vollendung der Trennnung des Staates von der Kirche, d. h. den 41*