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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-11 · Heft 41 (11.10.1870) · p. Seite 808

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 41 (11.10.1870)
Date
1870-10-11
Page
Seite 808 (sequence 12)
Language
German
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808 Wegfall des Cultusetats verlangen, so daß jede Religionsgenossenschaft ihren Cultus und deren Diener selbst erhalten solle. Dies würde auch die hierarchische Organisation der französischen Juden über den Haufen werfen. Jrrthümlich wurde in einer der vor. Nrn. dies. Zeit, bemerkt, daß Herr Cremieux, indem er das Ministerium der Justiz übernahm, nach der französischen Einrichtung auch Minister der Culte sei. Dies hat sich glücklicher Weise nicht bestätigt, sondern die Culte wurden von der Justiz getrennt und zum Unterricht gelegt. Ich sage glücklicher Weise, denn welche Anfeindung würde es Herrn Crsmieux zugezogen haben, wenn er, der Jude, auch den katholischen und protestantischen Cultus zu leiten gehabt hätte. Den Unterricht und die Culte hat vielmehr Herr Jules Simon übernommen, ein überaus ehrenwerther Charakter, welcher für den obligatorischen Volksunter« richt, die von der Geistlichkeit gänzlich freie Schule und die energische Entwickelung gründlichen Unterrichts in allen seinen Stufen, so wie für die unbedingte Gewissensfreiheit, über welche er ein berühmtes Buch geschrieben, gekämpft hat. Sie haben erst in Nr. 19 des Jahres 1867 eine Lebensbeschreibung des Herrn Jsaac Adolphe Crsmieux gegeben und somit genügt wohl, einige wenige Notizen zu wiederholen. Er wurde am 30. April 1796 inNimes geboren, besuchte das Lycse Louis-le-Grand in Paris und studirte Jura in Aix. 1817 trat er in den Advocatenftand und siedelte 1831 nach Paris über. Seinen Ruhm erwarb er sich durch die glänzende Beredtsamkeit und Unerschrockenheit in vielen politischen Processen ersten Ranges. 1842 wurde er zum Deputirten gewählt und trat 1848 in die provisorische Regierung ein. Am 7. Juni legte er sein Portefeuille nieder, befürwortete als Mitglied der conftituirenden Versammlung die Wahl Louis Napoleons zum Präsidenten, wandte sich aber bald von ihm ab und wurde bei dem Staatsstreich am 2. December drei Wochen in Haft gehalten. Seitdem blieb er der Politik fern, bis er im vorigen Jahre wieder zum Vertreter der Hauptstadt gewählt wurde und der republicanischen Linken angehörte. In einem Alter von 74 Jahren hat er sich eine große Frische des Geistes und eine kräftige Constitution zu erhalten gewußt; denn wie er im vorigen Winter nach Berlin reiste, so vor einigen Wochen nach Algier; im vorigen Sommer war er in Constantinopel eines Processes wegen. Er ist demnach auch Alterspräsident der provisorischen Regierung. — Ich gestehe (doch Oill ich meine Meinung nur als unmaßgeblich aussprechen), es thut mir leid, daß der verehrungswürdige Mann in dieses Amt eingetreten. Denn sowohl unter den obwaltenden Umständen, als auch bei den Wegen, welche die provisorische Regierung bereits eingeschlagen, kann diese nur ein sehr kurzathmiges Leben haben; sie wird entweder von den schnell folgenden Wogen der Revolution verschlungen, oder fällt unehrenhaft unter dem Anprall des Feindes. Statt die factischen Zustände anzuerkennen, die Verantwortlichkeit für die traurige Lage der Nation dem gestürzten Kaiser, der sie verursacht hat, zuzuweisen und mit der Absicht aufzutreten, den Krieg zu schließen und die Wunden zu heilen, die niedergerworfene Nation wieder aufzurichten und die in Auflösung befindlichen Zustände wieder zu organisiren — tritt diese Regierung in sinnlosester Verblendung mit unerfüllbaren Prätensionen auf, ruft längst versunkene Schatten der Vergangenheit zu Hülfe, die, weil sie eben Schatten sind, keine Hülfe gewähren können, macht das Maß des Elends voll, und muß hieran schnell zu Schanden werden. Darum hätte ich gewünscht, der alte Herr wäre davon zurückgeblieben; er hätte seinem Lande in kurzer Zeit unter günstigeren Umständen seine Kraft noch widmen können. Versailles, 25. Sept. Als die 14. preußische Cavallerie-Brigade in Versailles eindrang, ergaben sich nach kurzem Widerstand 1200 Mobilgardisten; nur 1 Officier mit etwa 50 Mann vertheidigten sich lebhaft und seine Leute setzten sich in der am Ende des Boulevards Eugenie stehenden Synagoge fest; diese schossen, nachdem sie die Thüre verbarricadirt hatten, aus den Fenstern. Nach einer halben Stunde gelang es den Cavalleristcn in den Tempel zu dringen. Schritt für Schritt ziehen sich die Franzosen fechtend zurück bis zu der Stelle, wo das Tabernakel steht; die Thüren des großen schönen reichverzierten Kastens, in welchem sich die Thorarollen befanden, wurden durch die Schüße gesprengt, und in die Vertiefung des Kastens flüchteten sich der französische Officier und noch einige seiner Leute. Der Officier fiel, von vier Kugeln durchbohrt, beim Tabernakel nieder, sein Kopf ruhte auf einer herausgefaüencn Thora, die ebenfalls von Kugeln durchlöchert war. Der prachtvolle Tempel ist furchtbar zerstört.

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