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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-11 · Heft 41 (11.10.1870) · p. Seite 803

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 41 (11.10.1870)
Date
1870-10-11
Page
Seite 803 (sequence 7)
Language
German
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grund. Der schwache und wollüstige Belsazar ließ dieselbe allerdings ganz unbeachtet; aber sie hatte sich dennoch gewisse Stützen erhalten. Als Babylon von den Medo-Persern unter Cyrus eingeschlossen war, in jener unseligen Nacht, welche der König schwelgerisch in seinem Palaste verbrachte und die Babylonier in üppigen Festgelagen, wahrend Cyrus die Wasser des Euphrat abließ und in die Stadt eindrang, trat die jüdische Partei wieder aus ihrem Dunkel hervor, und zwar an der Hand der Wittwe Nebuchadnezars, der Königin-Mutter, und erlangte einen entscheidenden, für das chaldäische Reich aber erfolglosen Sieg. Wir haben diesen Vorgang nach seiner politischen Seite aus dem ö. Capitel bereits im ersten dieser Artikel geschildert, und haben uns daher hier nur mit der religiösen zu beschäftigen. Wir müssen die Geltung der jüdischen Partei als vorzugsweise an die Person Nebuchadnezars geknüpft ansehen; denn die bis zu jener unheilvollen Nacht herrschende Partei war ihr geradezu feindselig. Es wird 5, 2. 3 hervvrgehoben, daß bei jenem nächtlichen Gelage Belsazar, selbstverständlich auf Anstiften seiner Umgebung, die von N. aus dem Tempel von Jerusalem als Trophäen gebrachten heiligen GerLthe in den Festsaal bringen ließ, sie den Genossen seiner Schwelgerei zum entweihenden Gebrauche übergab, und diese dabei „ihre Götter aus Gold und Silber, Kupfer, Eisen, Holz und Stein priesen." Es ist offenbar, daß hiermit die Gelegenheit ergriffen wurde, den Sieg der heidnischen Partei unter diesem Sprößling Nebuchadnezars zu feiern. Hieraus motivirt sich dann auch die harte Rede, welche Daniel an den König hielt, als er bei der erklärten Ohnmacht seiner Gegner in der Noth des Reiches zur Anshülfe und Rettung herbeigeholt worden. Schon die Königin-Mutter, als sie ihren Sohn an Daniel erinnert, hebt die Verdienste Daniels, und wie ihn Nebuchadnezar zum höchsten Range erhoben, nachdrücklich hervor. Als Daniel vor dem Könige erscheint, wird er als der Vertreter der jüdischen Partei angeredet: „Bist du Daniel, von den Söhnen der Weggeführten aus Jehud, die der König, mein Vater, hergebracht aus Jehud?" So schwach diese Andeutungen sind, so genügen sie doch, um uns einen Einblick in die vorangegangenen Schwankungen und Wechfelfälle zweier mit einander ringenden Parteien an dem Hofe eines asiatischen WeltherrscherS zu gewahren, die zwar , das wird überall betont, auf religiösem Grunde beruhen, aber der politischen Hülle und Einwirkung nicht entbehren. Der schwache Belsazar hatte wohl wenig Ahnung von der Bedeutung dieses Kampfes. Da mit der jüdischen Partei stets eine strengere Sittenreinheit, eine ernstere Auffassung des Lebens, ein Gegensatz mit dem Prunke und der;Schwelgerei verbunden war, so war es natürlich, daß die Gegenpartei unter ihm vorherrschte, und jene zu Dunkel und Schmach verdammte, ohne sie jedoch vernichten zu können, da ihr immer noch eine gewisse Unterstützung vorhanden geblieben. Gerade die ostensible Weise, mit welcher die Gegner ihren Triumph in jener Nacht über die jüdische Partei feierten, verräth uns, daß die letztere doch nicht ganz ohnmächtig war. In seiner Erwiderung weist Daniel zuerst schroff die Geschenke und Gaben des Königs ab, bezeichnet die Größe und Herrlichkeit Nebuchadnezars als ihm vom „höchsten Gotte" verliehen, erinnert an den Wahnsinn N.s, als er „sein Herz erhoben und seinen Geist zum Frevelmuth verhärtet hätte", bis er zur Erkenntniß des höchsten Gottes gekommen (B. 22. 23). „Du aber, sein Sohn Belsazar, hast dein Herz nicht gedemüthigt, obgleich du all dieses wußtest; sondern wider den Gebieter des Himmels hast du dich erhoben, und die Gefäße seines Hauses brachte man vor dich, und du und deine Großen, deine Gemahlinnen und deine Kebsweiber tranken Wein aus ihnen, und priesest die Götter aus Silber und Gold, Kupfer, Eisen, Holz und Stein, die da nicht sehen und nicht hören und nichts wissen, aber den Gott, in dessen Hand deine Seele, und bei dem all deine Wege sind, hast du nicht verherrlicht." Wer sieht nicht hieraus, daß Daniel dem Könige einen Vorwurf, ein Vergehen daraus macht, den von Nebuchadnezar endlich eingeschlagenen Weg verlassen und den entgegengesetzten eingeschlagen zu haben? Der König kennt das Dasein der jüdischen Partei und ihrer Lehre; da er als Sohn Nebuchadnezars dessen Thron bestieg, hätte er die von seinen feindseligen Vorgängern beseitigte Partei wieder hervorholen und wieder zur Geltung bringen sollen; er hat dies nicht gethan, und damit den Untergang seiner Herrschaft befördert und verdient. Das chaldäische Reich ging unter, aber die jüdische Partei überlebte es. (Fortsetzung folgt.)

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