Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1870)
- Date
- 1870-10-11
- Page
- Seite 802 (sequence 6)
- Language
- German
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802 irrt in der Wildniß umher und ahmt die Lebensart eines Wildes nach. Es ist bekannt, daß diese Art Wahnsinn nicht allzuselten ist, und man ähnliche Beispiele viele hat. Die Griechen hatten einen eigenen Namen für ihn (Lykanthropie, Kynanthrvpie), im Norden von Bengalen giebt es Männer, in welchen eine derartige Tigerwuth endemisch ist. Einen solchen Zustand N.s berühren auch die Historiker Berosus und Abydenus. Die Räthe des Königs führten unterdeß die Regierung, und bewachten den Herrscher, daß ihm kein Leids geschehe <V. 33). „Aber nach Verlauf der Tage erhob ich, Nebuchadnezar, meine Augen zum Himmel, und mein Verstand kehrte mir wieder, und den Höchsten pries ich" (V. 31). Nunmehr ward er in seine Regierung wieder eingesetzt, und erließ an alle Völker einen Bericht über den ganzen Vorgang. Diesen Bericht enthält Cap. 4, jedoch so, daß er in der Mitte aus einleuchtenden Gründen von der Erzählung unterbrochen wird (V. 25—30). — Der ganze Gedanke und eigentliche Schwerpunct des Berichtes, der Sieg der Erkenntniß des allmächtigen Gottes, der alle irdischen Dinge lenkt, und in dessen Händen die menschlichen Herrscher nur Werkzeuge sind, tritt überall hervor, und wird um so mehr durch die Form markirt, indem uns die unmittelbaren Auslastungen N.s übergeben werden. Er beginnt damit, „die Zeichen und Wunder, welche der höchste Gott an ihm gethan, kund thun zu wollen." „Seine Zeichen, wie groß, und seine Wunder wie mächtig! Sein Reich, ein Reich der Ewigkeit, und seine Herrschaft Geschlecht auf Geschlecht!" Wenn die Bezeichnung „der höchste Gott" (rr-b? ernrrr) darauf hindeutet, daß selbst auch nach diesem Ereigniß die israelitische Gotteslehre in N. doch immer nur auf dem Grunde des alten Götterglaubens sich erhebt, so zeigen uns seine Worte 4, 6. 15 an Daniel: „ich weiß, daß der Geist der heiligen Götter in Dir ist" (-po^p ynbx), daß er vor demselben ganz und gar von ihm ausging. Den Zweck des Traumes und feiner Erfüllung giebt er V. 14 an: „auf daß die Lebenden erkennen, daß der Höchste schallet über die Herrschaft der Menschen, und wem er will, sie giebt, und der Menschen Niedrigsten einfetzet darizr!" So solle auch nach der Deutung Daniels die Beendigung des Wahnsinns eintreten (V. 22), sobald er erkennt: „daß der Höchste schaltet über die Herrschaft der Menschen und wem er will sie giebt" «vgl. B. 29). Nachdem ihm sein Verstand wieder gekehrt, da „lobte er und verherrlichte den Ewig-Lebenden, desten Herrschaft ewige Herrschaft, und desten Reich Geschlecht auf Geschlecht; und alle Bewohner der Erde sind wie nichts geachtet, und nach seinem Willen verfährt er mit dem Heere des Himmels und den Bewohnern der Erde, und Niemand ist, der seine Hand wehrte und zu ihm spräche: was thust du?" <V. 31. 32). Der Erlaß endigt (V. 34): „Also lobe und erhebe und verherrliche ich, Nebuchadnezar, den König des Himmels, desten Thaten alle wahrhaft und desten Wege Recht, und die in Hochmuth wandeln, vermag er zu erniedrigen." Wenn also am Schluffe der vorhergehenden Erzählung Nebuchadnezar allen Völkern bei Strafe jede Lästerung des Gottes, den Israel anbetet, verbietet, so geht er hier allen Nationen mit der Anbetung und Verherrlichung dieses Gottes voran. Es ist dabei zu bemerken, daß im vorhergehenden Capitel dieser Gott specifisch als der von Israel, hier von den drei geretteten Märtyrern angebetete bezeichnet wird, in diesem Erlaffe jedoch nur vom „höchsten Gotte", „Gott des Himmels", den er doch nur aus dem Munde Daniels kennt, also in ganz allgemeiner Fastung gesprochen wird. Die Erkenntniß ist also bis zur positivsten «Stufe, soweit sie dem Heidenthume möglich war, vorgedrungen, und der israelitische Gottesbegriff hat sowohl die zabischen wie die magischen Vorstellungen verdrängt. Ein Zeugniß für die historische Wahrheit liegt darin, daß die jüdische Partei doch nicht beabsichtigte und wagte, die israelitische Gottesanbetung in concreter Weise den Völkern aufzudrängen, daß sie keinen eigentlichen Kampf mit den Nationalreligionen unternahm, sondern es gewiffermaßen bei einer Verkündigung aus dem Munde des Herrschers an die Völker beließ. — Im Jahre 561 starb Nebuchadnezar, und nach seinem Tode trat für das chaldäische Reich eine stürmische Zeit, und bald auch der wachsenden medo-persischen Macht gegenüber ein allmäliger Niedergang ein. Nach zwei Jahren schon tödtete den Sohn N.s, Ewilmerodach, desten Schwager Neriglistar, der eine fortwährend kriegerische Regierung führte. Ihm folgte als Knabe sein Sohn Laborosoarschod, der sehr bald durch einen Aufstand des Nabonid, des biblischen Belsazar, getödtet ward. In dieser stürmischen Periode wurde die jüdische Partei aus ihrer Stellung verdrängt, ihres Ansehens und Einflustes beraubt. Der Sturz des «Sohnes Nebuchadnezars bezeichnet uns den Wandel dieser Berhältniste. Denn erst unter dem andern Sohne N.s oder desten Enkel Belsazar tritt sie wieder in den Vorder-