Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-11 · Heft 41 (11.10.1870) · p. Seite 801

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 41 (11.10.1870)
Date
1870-10-11
Page
Seite 801 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226744-3226786--28806-3302667
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

801 beurtheilen. Wo ist eim menschlicher Scharfblicks dem der Schleier der Zukunft über den nächsten Tag hinaus aufgehoben wäre! Die Naturkraft, der Wiederherstellungstrieb in einer großen Nation ist überaus mächtig, und die göttliche Vorsehung bietet oft dann am ehesten die Mittel und Werkzeuge der Wiedererhebung dar, wenn sie gänzlich ausgegangen zu sein scheinen. Die erste Halste -es Luches Daniel, iv. Aus diesem negativen Erfolge mußte zu einem positiven gelangt werden. Wenn der erste Sieg durch eine allgemeine Idee, der zweite durch eine Thatsache erlangt worden, so mußte sich hieran Persönliches fürNebuchadnezar schließen. In dem ersten Vorgang war es die Vergänglichkeit der von Menschen errichteten Staaten, welche an den Herrscher iu erschütternder Weise herantrat; jetzt galt es, ihn in seiner eigenen Person zu ergreifen, und die menschliche Schwache, die Abhängigkeit von Oben in dem unbeschränkten Gebieter zum vollen Bewußtsein zu bringen. Dies geschieht denn auch in dem ebenso eigenthümlichen wie großartigen Vorgang, der im 4. Capitel, wozu noch die Verse 3, 31—33 gehören, berichtet wird. — Zwei Geistesrichtungen machen sich in der allasiatischen Welt überall kenntlich: die Selbstvergötterung der Herrscher, insbesondere wenn sie durch glückliche Kriege Nationen ihrem Scepter unterworfen haben, und die Anerkenntniß der Nichtigkeit alles Irdischen, die Verachtung des Erdenlebens und des Menschen, wie sie in allen asiatischen Religionen vom Indus bis zur Küste des Mittelmeeres bis zur Vergötterung des Nichts gelehrt ward, Nichts ist lebhafter als das Bild, welches uns der Prophet vom König von Affur giebt, „der seinen Stuhl über die Sterne setzt"', und daneben der kleine arabische Emir, der vor Sonnenaufgang vor sein Zelt tritt und als Herr der Sonne dieser die Erlaubniß zuruft aufzugehen. Ein Conflict dieser beiden Geistesströmungen mit der milden, harmonischen Lösung durch den Geist der israelitischen Gotteslehre wird uns im vorliegenden Abschnitt geschildert. Der Hochmuth, der bei einem unbeschränkten Despoten so selbstverständlich ist und durch Siege und die Herstellung großer Werke genährt wird, versteigt sich leicht zu einem stärkeren oder schwächeren Grade des Wahnwitzes, zu einem Größenwahnsinn, den man in diesem speciellen Falle neuerdings mit dem Namen Cäsarenwahnsinn benannt hat. Bon einem ähnlichen Wahnsinn redet unser Capitel. Aber er entsteht hier, weil in dem tiefer angelegten Gemüthe Nebuchadnezars (so zeigt ihn uns Cap. 2) eben ein lebhaftes Gefühl der menschlichen Schwäche mit diesem Despotenhochmuth, mit dieser Selbstvergötterung rang, und an diesem Kampfe das vernünftige Bewußtsein des großen Königs scheiterte. Daß es sich hier um einen zeitweiligen Wahnsinn handelt, sagen uns einfach die Worte V. 31, 33 „Und mein Verstand kehrte mir wieder." Lange schon mochte es in der Seele Nebuchadnezars, nachdem er Großes erreicht und errichtet, auf- und niedergewogt haben. Davon kam ihm ein Ausfluß in einem Traume, in welchem er sich als einen gewaltigen Baum sah, der bis an den Himmel reichte und bis zu den Enden der ganzen Erde, unter desien Schatten und von desien Früchten alle Thiere der Erde lebten. Ein Wächter vom Himmel stieg nieder und hieb den Baum um, so jedoch daß ein Theil des Stammes stehen blieb. In echter Traumweise sieht er diesen Stamm in eherne Feste! geschlagen und mit einem Menschenherzen versehen, das dann in ein Thierherz verwandelt wird, und in diesem Zustande vergeht ihm eine lange Zeit. Auch diesen Traum vermag ihm nur Daniel zu deuten. N. hat darin seinen innern Seelenzustand und den ihm drohenden Ausgang destelben abgespiegelt geschaut. Er selbst und seine Macht sind der Alles überschattende Baum; der König wird, von Wahnsinn ergriffen, sich für ein Thier des Waldes halten, in die Wildniß hinausstürmen und darin in der Weise eines Thieres leben. Endlich wird ihm in der Erkenntniß des Höchsten und daß dieser allein die Herrschaft über die Menschen hat, sein Verstand zurückkehren und er in die Regierung wieder eintreten. Um dieser furchtbaren Geistesverwirrung entgegenzuwirken, räch ihm Daniel, sich unermüdlich mit Uebung der Gerechtigkeit und Werken der Barmherzigkeit zu beschäftigen, wodurch der König Ruhe des Gewistens über begangene Mistethaten, Befriedigung seines Bewußtseins, und heitere Seeleustimmung erwerben würde. Eine Zeit lang folgt 9t. diesem Rathe; bald aber verfällt er wieder in unermeßlichen Hochmuth — sehr charakteristisch wird dies im biblischen Lapidarstyl 4, 20. 27 angedeutet — und die Geistesverwirrung tritt ein. ÜL wähnt sich ein Thier des Feldes,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.