Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1870)
- Date
- 1870-10-11
- Page
- Seite 800 (sequence 4)
- Language
- German
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800 der Mangel einer Regierung, die Zerrissenheit der Parteien, die selbst jetzt im Begriffe stehen, aufeinander loszustürzen, hierzu der Mangel an Charakteren, productiven und organisatorischen Talenten, an scharfblickenden, und thatkräftigen Geistern, dieses Chaos, in welches Niemand sein Werde! ruft, und kein Lichtstrahl einzudringen beginnt — dies ist es was für die Zukunft große Besorgniß erregen muß, und dies liegt wohl auch jenen Angstrufen französischer Männer zu Grunde. Der Genius der Menschheit kann nur darüber trauern. In dem Einen sind wir mit jenen Franzosen übereinstimmend. Für die Menschheit wäre es ein unendlicher Verlust, sollte wirklich die französische Nation ihrem gänzlichen Verfall, einem Zustande, wie ihn Spanien und Griechenland etwa zeigen, entgegengehen. Allerdings hat Frankreich in den letzten Jahrzehenden nicht vortheilhaft auf die europäischen Verhältnisse gewirkt. Einen Augenblick sah es aus, als ob der Cäsarismus lähmend und vergiftend die ganze Welt durchdringen werde. In Widersprüchen befangen, und aus kleinlichen Motiven handelnd, hat es heute verhindert, was es gestern gefördert, und zuletzt Durch die Entzündung des gegenwärtiges Krieges das Maß voll gemacht. Das Strafgericht, das sich an ihm vollzieht, ist gerecht. Aber „all" diese Erwägung und all' der Jubel, den die Siege der Deutschen und die Hoffnung deutscher Einheit und wohl auch Freiheit, die sich an jene knüpft, erwecken, kann die Trauer nicht auslöschen, wenn wir die furchtbaren Leiden des französischen Volkes als unserer Menschenbrüder und die tiefe Wunde betrachten, welche der Menschheit durch solchen Niedergang einer großen Nation geschlagen wird. Denn das ist ja die Anschauung unserer Zeit, daß das französische Volk von einem Wahngebilde einer politischen Suprematie und einer militärischen Obmacht abzulaffen gezwungen werden müffe, aber davon geheilt im friedlichen Wetteifer auf allen Gebieten des Geistes und der Industrie seine hohe Stellung auch fernerhin einnehmen könnte. Vermöchte es aber auch letzteres nicht mehr, so wäre dies ein großer Verlust. Wir Juden befinden uns hierbei in einem ganz eigenthümlichen Verhältniß. Als Juden müffen wir auf Grund unserer religiösen Ueberzeugung jene französische Anschauung gänzlich verwerfen; der Friede der Völker ist das Zielelement unserer Religion seit der Prophetenzeit; alle kriegerische Action widerspricht dem, sobald sie nicht bloße Vertheidigung ist. Einige unserer Prediger, nebenbei bemerkt, hatten Unrecht, in ihren jüngsten Predigten von einem „heiligen Kampfe" zu sprechen. Das Judenthum kennt keine „heiligen Kriege", sondern nur gebotene, Pflichtkriege, und selbst dem Könige David wurde der Bau des Heiligthums untersagt, weil er Kriege geführt, und es waren doch nur Vertheidigungskriege. Aber auch materiell sind wir als Juden gegen jeden Krieg interessirt; denn für uns ist jeder Krieg ganz concret ein Bruderkrieg, da in jedem Heere Juden stehen und gegen einander kämpfen. Ferner als Deutsche sind wir mit Herz und Seele, mit Gut und Blut an den Siegen der deutschen Nation interessirt. Dennoch können wir nicht vergeffen, daß der Grundsatz der Gleichberechtigung , außer in Nordamerika, zuerst in Frankreich unumwunden und unbedingt ausgesprochen und verwirklicht worden, daß durch die Franzosen nach vielen andern Ländern diese Gleichstellung gekommen, daß z. B. der Leibzoll erst in Folge ihrer Forderung in den deutschen Ländern ausgehoben wurde; wir können es nicht vergeffen, daß von Frankreich der constitutionelle Geist in die andern europäischen Länder gedrungen (außer Großbritannien), und dieser erst die auf uns lastenden Beschränkungen wirklich beseitigte; wir können es nicht vergeffen, daß bei jeder Mißhandlung der Juden in irgend einem Theile der Welt — außer in der traurigen Begebenheit zu Damaskus, in welcher Herr Thiers seine macchiavellistische Hand hatte — Frankreich stets vor allen, wenn auch in Verbindung mit England, sich der Verfolgten annahm und seinen Einfluß für sie einfetzte. Nun, Deutschland will die Vernichtung Frankreichs nicht, Deutschland verlangt nur ein Stück alten Bodens zurück, um sich in Zukunft vor Frankreich sicher zu stellen. Es scheint fast an Aberwitz zu grenzen, wenn sich die französischen Führer den Thatsachen verschließen, wenn sie aus dem Verluste eines verhältnißmäßig kleinen Stück Landes den Untergang Frankreichs prognosticiren. Aber wir haben gesehen, es liegt ein tieferes Motiv, ein nationaler Jnstinct darin; es spiegelt sich nur der wirkliche Zustand der Dinge, die innere Beschaffenheit darin ab, und dies ist es, was uns mit gesteigerter Theilnahme, mit Besorgniß und Betrübniß erfüllt. Doch uns tröstet, daß wir allesammt Kinder der Gegenwart sind, die von der Anschauung und den Gefühlen des Tages beherrscht werden. Oft sind die unmittelbaren Organe vermöge ihrer allzu gereizten Empfindlichkeit am unfähigsten, den Vollgehalt der Lage zu