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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-11 · Heft 41 (11.10.1870) · p. Seite 799

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 41 (11.10.1870)
Date
1870-10-11
Page
Seite 799 (sequence 3)
Language
German
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799 gezwungen bei dem Reichthum, die Hülflosigkeit bei der Fülle zu leihen, und wie Napoleon HI. Alles von seinem Oheim borgte, so sucht jetzt die neueste Republik bei 1792 zu borgen. Was noch schlimmer, unter dem Einflüsse dieser Gährung, die keine Entwickelung umfaßte, hat sich die Nation in mannigfaltige Parteien zersetzt. Die Spaltung eines Volkes in zwei große Parteien ist an sich noch kein Unglück. Es entsteht ein Kampf, aus welchem die eine Partei siegreich, die andere besiegt hervorgeht. So hat die nordamerikanische Union den Ungeheuern Bürgerkrieg überwunden, und ist größer und fester daraus hervorgegangen, als sie vorher war, denn der tiefliegende Schaden, der von Anfang an durch den Gegensatz der Nord- und Südstaaten in ihrem Innern lag, wurde dadurch beseitigt. In Rom und in Athen wurden die Patricier von den Plebejern überwunden, und der Staat bluhete erst recht auf. Venedig starb an Allerschwäche, weil die patricische Herrschaft unangefochten blieb. Aber was ein Unglück eines Volkes ist — das ist die Zersplitterung in mehrfache und doch gegensätzliche Parteien, wo nicht etwa bloße Fractionen in der Stunde des Ernstes sich doch immer vereinigen, sondern vielmehr jede Partei allen andern auf Leben und Tod gegenübersteht. Da fehlt also einigende Kraft zum gemeinsamen, dauernden Werke; was heute aufgebaut wird, zerstört morgen die andere Partei, deren Erfolg übermorgen von einer dritten bekämpft oder gestürzt wird. In keinem Lande hat sich eine so weite Kluft zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat aufgethan, wie in Frankreich, schon 1792, und noch mehr während des sg. Bürgerkönigsthums, als der Socialismus die unteren Volksschichten zur unversöhnlichen Feindschaft gegen die besitzenden Claffen aufrief; in keinem Lande wurde das, die ganze Gesellschaft untergrabende Wort ausgesprochen, mißverstanden und ausgebeutet wie in Frankreich: „Das Eigenthum ist Diebstahl." Wie konnten sich wohl der alte und der neue Adel, die Legitimisten und Bonapartisten, obgleich beide Anhänger des Absolutismus, vereinigen! Alle Parteien sind in Frankreich nach und unter einander zur Herrschaft gelangt, keine vermochte sich einzuwurzeln, aber jede hat ihre tiefen Spuren hinterlaffen. Wo steht sonst noch das Landvolk dem Städter so schroff gegenüber, jenes vom Klerus gegängelt. Kurz, wohin wir in diesem unglücklichen Lande blicken, sehen wir Zerfahrenheit, und Zersetzung, gegen welche das sonst so lebendige Nationalgefühl, der Zauber des Wortes „la France" vergebens ankämpft. Unter diesen traurigen Umständen kann es nicht aufsallen, daß zwei große Schäden an dem innersten nationalen Wesen zehrten und ihre unheilvollen Uebel hervorbrachten: die Entsittlichung und Abnahme der nationalen Intelligenz. Wir wollen hier das vielgesungene Lied von dem sittlichen Verfall in Frankreich nicht wiederholen; aber wo selbst die Statistik so laut spricht, wo die ganze Beschaffenheit der Gesellschaft, wo die Zeugnisse der Corruption und des maßlosen Egoismus einen so unwiderleglichen Beweis liefern, kann man nicht hinwegleugnen, was man so gern als nicht vorhanden annehmen, als übertrieben ansehen möchte. Im Geistigen ist Stillstand Rückgang; hinsichtlich der Schulbildung sind aber andere Nationen der französischen weit vorangegangen; außerdem hat sich die wissenschaftliche Sphäre in Frankreich so sehr abgeschwacht, und in der Gesammtheit der Nation sind so viele Vorurtheile und veraltete Begriffe stecken geblieben, daß mit Recht dieser geistreichen Nation ein Rückgang in der Intelligenz zugeschrieben werden kann. Es giebt jetzt in Europa keine andere Nation, welche ihre Stärke in der Zerrissenheit und Erniedrigung seiner Nachbarn noch heute sucht, und ein einiges Italien und ein einiges Deutschland gleichbedeutend mit ihrer eigenen Schwäche hält, außer der französischen; keine andere 'Nation, welche eine gewaltsame Eroberung, wo gar kein nationales Element zu Grunde liegt, für einen Gewinn ansieht; keine andere, in welcher das tolle Wort ausgesprochen werden konnte „Euer ist der Sieg, unser ist der Ruhm." Und dieser Mangel an Intelligenz ist dann der Vater der Unwissenheit, der Selbstverblendung und Selbsttäuschung, die um so gefährlicher für die Franzosen sind, als diese mehr von der Einbildungskraft, als von der Vernunft geleitet werden. So kam es, daß in Frankreich vor Allem die Phrase vorherrscht, daß man sich dort mit Phrase stets aushilft und begnügt, alle Schäden und Mängel damit deckt, alle Uebel, Gewaltthätigkeit und Unrecht ausgleicht, so daß ein geistreicher Franzose mit Recht sagte: c’est la plirase. qui nous tue!“ Alle diese Momente erhalten durch den Zusammenstoß der unglücklichsten Umstände, wie ihn Frankreich jetzt erfahren hat, eine große Bedeutung. Die furchtbaren Niederlagen, die Vernichtung der stolzesten Heere, der Fall aller Bollwerke, der nahe Sturz der Hauptstadt — sie alle vermöchten um die Zukunft Frankreichs noch keine begründete Befürchtung einzuflößen. Aber die Ruinen, welche das bonapartische Regime hinterlassen, 41*

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