Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-11 · Heft 41 (11.10.1870) · p. Seite 798

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 41 (11.10.1870)
Date
1870-10-11
Page
Seite 798 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226744-3226786--28803-3302664
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

798 noch als Philosoph die Höhe des kalten einfachen Gedankens erreicht hat, doch aber unter seinen Volksgenoffen als einer der ruhigsten Denker hervorleuchtet, und gerade in der Feinheit und Eleganz der Form ein Correctiv für die Lebhaftigkeit seiner Phantasie findet! Er sieht Frankreich auseinandergeriffen, verbluten, untergehen, und hierdurch die gesammte Menschheit einen unersetzlichen Verlust erleiden! Er verlangt von den Deutschen, daß sie Frankreich unangetastet lassen, weil es sonst zu existiren aufhören würde! Man sieht, wir nehmen keine Rücksicht auf die Manifeste Victor Hugo's, der denselben Gedanken in so verkehrter und verworrener Weise ausgesprochen, daß man auf diese seine Products nicht wie auf die Erzeugnisse eines gesunden Verstandes achten kann. Wie? Geben sich die Franzosen selbst aus? Haben sie keinen Glauben, kein Vertrauen auf die Regenerationskraft ihres Volkes? keine Ahnung von einem Auferstehen, und Sichwiederverjüngen ihrer Nation? Bon 38 Millionen sollen 2 Millionen, und zwar solche, die ursprünglich anderen Stammes waren, und dies im Grunde noch sind, losgerissen werden, und diese 36 sollen dem Untergang als Nation ob dieses Verlustes anheim gegeben sein? Und wirklich bezeugen nicht blos die Worte, sondern auch die Handlungen der augenblicklichen französischen Machthaber, daß sie gänzlich von derselben Meinung und demselben Gefühle beherrscht sind. Statt den durchaus nicht allzu harten Friedensbedingungen sich zu unterwerfen, Frieden zu schließen, den Wiederaufbau ihres gänzlich zerrütteten Staates mit frischer Kraft zu beginnen, die Schaden zu bessern, die Wunden zu heilen — wollen sie sich unter den Trümmern begraben, der Zerstörung preisgeben, was sich noch erhalten ließe, ihre Nation die Todeswunde empfangen zu lassen! Das ist eine Verzweiflung, die sich selbst verloren giebt, die jeglichen Glauben an die Zukunft hinwirst. Unter den modernen Culturvölkern ist es allzu sehr Sitte geworden, auf das unsterbliche Buch Israels mit Hohn zu blicken, und zwar in den Theilen, welche die Geschicke der Völker abspiegeln. Statt daß Renan am Schluffe seines Briefes auf die sentimentalen Stellen des s. g. Neuen Testaments verweist, welche zwar einem krankhaften Gemüthe einige Befriedigung, niemals aber unter den Stürmen des Lebens festen Halt und sichern Schritt zu verleihen vermögen, noch weniger einer großen Nation in den Kämpfen um ihre Existenz Vorbild und Mahnung gewahren können — hatte er einen Blick in die Propheten Israels werfen sollen. Welcher Trauer, welchem Schmerz über die vorausgesehene schwere Niederlage ihres Volkes, über die Zerstörung seiner prächtigen Hauptstadt, seiner heiligen Statte, seines ganzen Landes begegnen wir da — aber kein solcher Redner endet ohne die Zuversicht der Wiederherstellung — ohne die Weissagung einer größern Zukunft als die Gegenwart und Vergangenheit, herbeigeführt durch die Läuterung, welche das Unheil und Mißgeschick bereiten werden. Ja, auf den noch rauchenden Trümmern Zions, wo Jeremias dessen Fall in Tönen betrauert, die noch heute jedes fühlende Herz durchschneiden, auf denselbigen Trümmern und in denselbigen Klageliedern erscheint ihm die Hoffnung herrlichen Auferstehens, sieht er darin, daß sein Volk doch noch existirt — und zwar in der Gefangenschaft — die Bürgschaft, daß sich „dessen Tage erneuern werden wie vordem"! (3, 21 ff. 5, 21). Fürwahr, die Nationen können noch immer etwas lernen von uns! Wir bestanden abermals, neuer Sturz kam, abermals stimmten unsere Sänger Klagelieder an; aber auch da, bei den hispanischen wie den polnischen Sängern, jeder Pulsschlag die Gewißheit zukünftigen, bedeutungsvollen Daseins. Ein solches allgemeines Gefühl einer Nation kann nicht als ein bloßes Symptom, als eine zeitweilige Stimmung, aus äußern Unglücksfällen hervorgerufen, angesehen werden. Es muß auf innern Zuständen und Jnstincten beruhen. Als die Deutschen unter den ehernen Schritten Napoleons I. am tiefsten gebeugt waren, flammte das Nationalgefühl in einer Starke auf, die seit Jahrhunderten nicht in ihnen gelebt hatte, und sie waren schon damals ihres Sieges bei der Erhebung gewiß. Haben wir nicht auch aus jüngster Zeit ersehen, daß ein Staat aus großen Unglücksfällen mit der Absicht und dem Streben hervorging, die vorhandenen Schäden auszubessern? Nun ein Blick in die innern Zustände Frankreichs giebt wenig Tröstliches. Seit 80 Jahren ist diese Nation einer unaufhörlichen Gahrung anheimgegeben, und diese Gahrung ist kein Proceß der Abklärung, sondern der Zersetzung. Keine bleibende Form, keine dauernde Gestaltung vermochte sich, sei es durch Eruption, sei es durch Evolution daraus abzuheben oder gar Bestand zu erhalten, ein Gegensatz verschlang stets den andern; nicht das Größere folgte auf das Große, sondern auf das Hohe das Niedrige; der Geist nahm zusehends ab, und so war die Armuth

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.