Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1870)
- Date
- 1870-10-04
- Page
- Seite 795 (sequence 19)
- Language
- German
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795 der Weide niedergeworfen, einem unschuldigen Gefangenen die Pforten des Kerkers geöffnet u. s. w. u. s. w. — So sprach's damals') der Mund des Volkes, so hatte es sich durch Tradition fortgeerbt von Geschlecht auf Geschlecht, und so war es namentlich jetzt (anno 1799), nach Verlauf von 4 vollen Jahrhunderten, in den maffenhaft unter das Volk vertheilten SLcularschriften Schwarz auf Weiß zu lesen. Unter den Letzlern war's aber wiederum eine, welche eine ganz besondere Hauptrolle spielte, indem sie am mächtigsten zündete und wirkte, am heftigsten packte und erregte, — nämlich die deutsche und polnische Uebersetzung eines Merkchens, das über die Begebenheit von 1399 bereits im Jahre 1609 durch den dazumal sehr berühmten Theologen Thomas Treter, Kanonikus in Posen, in lateinischer Sprache war verfaßt worden. — Dieser fromme Pater und äußerst gelehrte Mann stellt in seiner Schrift (betitelt: Laeratissimi Corporis Christi historia et miracula, quae in ecclesia Posnaniensi ordinis Sanctae Mariae carmelitarum divina bonitas operatur,“die Sache f o dar, als ob die Aeltesten der Posener Synagoge im Jahr 1399 plötzlich auf den gottlosen Einfall gekommen wären, „sich aus irgend einer Kirche des Orts einiger consecrirter Hostien zu bemächtigen," und zur Ausführung dieses Vorhabens, „eine arme christliche Dienstmagd durch Bestechung zu gewinnen," heimlich beschloffen hatten. Er läßt die Dirne in die Falle gehen, die verlangte Dienstleistung feierlich angeloben, am Himmelfahrtstage in die Dominicanerkirche schleichen, daselbst sich geschickt verbergen, alsdann bei völlig geleertem Gotteshause aus dem Schlupfwinkel hervorkriechen, das Schloß des Ciboriums^) gewaltsam erbrechen, drei geweihete Hostien^) herausnehmen und diese eiligst zu den Juden bringen, um von denselben die versprochene Belohnung zu empfangen. Die Juden aber, — so ist aus dem Treter'schen Berichte weiter zu ersehen, — mißhandelten das Sacrament, indem sie in daffelbe hineinstachen. Sie sehen, zu ihrem nicht geringen Schrecken, Blut herausströmen, welches — zu ihrem noch großern Schrecken, — Wunder verrichtet, wie wir sie oben angeführt, und noch andere. —Inzwischen ist der Kirchendiebstahl ruchbar worden, obschon man noch nicht die geringste Ahnung hat, wer ihn begangen. Die Juden erfahren, daß bereits nach allen Seiten hin strenge Recherchen angestellt seien, um den Dieb zu ermitteln, und gerathen darob in solche Angst, daß sie beschließen, die Hostien zu verbrennen, um sich derselben auf's schnellste zu entledigen. Treter laßt ') Am Ende des 14. Jahrh. nämlich. *1 „Geschichte des Leibe« Christi und der Wunder, so in der Kirche des Ordens der Äarmcliten von St. Maria zu Posen die göttliche Güte geschehen ließ." 9 Eigentlich „Trinkgesäßin der kath. Kirche aber bedeutet es gewöhnlich den Behälter (auch Schrank«, in welchem das Sacrament anfbewahrt wird. 9 Oblaten, den Leib Christi vorstellend. ihnen jedoch dies nicht gelingen, vielmehr die Hostien jedem Feuer Widerstand leisten. Was beginnen die Juden? Im Ghetto wird der versteckteste Winkel aufgesucht und alldort das Oblaten-Trio tief unter der Erde vergraben. Der saubere Mythos aber läßt in der dieser That folgenden Nacht die Judenvorsteher auf ihrem Lager keinen Schlaf und keine Ruhe finden, was sie veranlaßt, die Hostien wieder auszugraben, um sie an einen andern, womöglich sicherern Ort zu bringen. Und diese hat sich denn auch bald gefunden. Es ist eine Wiese unweit der Stadt, woselbst dann zwei Judenälteste die 3 Hostien in den Sumpf versenken. Die Sage läßt sie indessen nicht lange versenkt bleiben, vielmehr als 3 weiße Schmetterlinge bald wieder heraufkommen. Ein Hirtenknabe, Namens Pawel,'- gewahrte die muntern Thierchen zuerst, sowie die oben angeführten Wunder, die sie verrichten. Der Knabe meldet's seinem Vater, dieser dem Stadtbürgermeisler und dieser endlich dem Bischof, welcher sich, von dem gesummten Klerus gefolgt, sofort an die Wunderstätte begiebt. Hier angelangt, muß der fromme Pater Johannes Biczywol'') auf des Bischofs Geheiß die Schmetterlinge einfangen, welche indessen die Sage in des Priesters Hand wieder in das, was sie früher gewesen, sich zurückverwandeln laßt. Die Hostien werden dem Bischof überreicht und durch diesen in feierlicher Procefsion nach der Stadt gebracht, — hier aber noch an demselben Tage (aus den betr. Berichten erfahrt man nirgends genau, wie so und weßhalb) die sämmtlichen Juden-Aeltesten^- eingezogen und in den finstersten Kerker geworfen. Man klagt sie der Missethat des Hostienraubes an; sie betheuern ihre Unschuld. Man wendet Tortur und Folter der grausamsten Art an, um die Beschuldigten zum Geständnisse der Schuld zu bringen; doch es ist ihnen ein solches eben so wenig zu erpressen, als es möglich und denkbar, sie zum Annehmen des christlichen Glaubens, wofür sie mehr noch als Leben und Freiheit eintauschen sollen, zu bewegen. Die gefangenen Juden bleiben fest und standhaft, und — sie werden sammt und sonders zum Tode verdammt. Ihr Tod aber ist ein schrecklicher, grausenerregender. — Ganz entblößten Körpers an Pfeiler gebunden, werden züngelnde Feuerflammen und gereizte Kettenhunde zugleich auf sie losgelassen, so daß sie — theils von der lechzenden Gluth gebraten, theils von grimmigen Bissen zerfleischt, — unter den entsetzlichsten Oualen ihren Geist aufgeben. — Was nun schließlich noch die so wunderbar geretteten drei Hostien anlangt, so gefällt sich der Mythos darin, dieselben aus den verschiedenen Kirchen der Stadt, wohin sie gebracht wurden, immer von selbst wieder nach der sumpfigen Wiese zurückkehren und dort nicht eher 9 Zn Deutsch: Paul. *) Mönch und Prediger im Kloster zu St. Dominik in Posen. 9 Eigentlich das geistliche Oberhaupt -Rabbiner) und die weltlichen Gemeinde-Borsteber «zusammen 14 Personen.)