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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-04 · Heft 40 (4.10.1870) · p. Seite 794

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 40 (4.10.1870)
Date
1870-10-04
Page
Seite 794 (sequence 18)
Language
German
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794 Recht, das geübt wird im Innern und nach außen, die Wahrhaftigkeit und die Treue gegen das Gesetz, die Freiheit durch das Gesetz, die Arbeit des Volkes an geistigen und weltlichen Werken — dies und nichts anders — und wo diese nicht sind, ist aller Ruhm und alle Herrlichkeit nur Fallstricke, nur Netze, darin die Nation fallt, nur Abgründe des Verderbens .... Doch nein! nicht meine schwache Stimme vermag die Hadernden zu beschwichtigen — ich bete nur: o laß uns bald den Ausweg finden, führe du das Gewölk hinweg, daß die Augen klar schauen und die Einsicht nicht fern bleibt deffen, was uns so sehr noch chut! Und so wende ich mich zur stillen Kammer meiner Religion, darin berg ich mich nach dem Rufe des Propheten, einen Augenblick, vielleicht geht die Stunde des Grimmes unterdeß weiter, und Licht und lindes Wehen kehren zurück. Herr, laß uns voll Weihe und Demuth an den Tag der Versöhnung herantreten, laß uns heute mehr fühlen als je, wie sehr wir sein bedürfen, welch' ein Segen, welch' eine Quelle des Heils er uns ist. Menschenbruder, komm heran und reiche mir die Hand, wie ich sie dir entgegenstrecke! Hab' ich dich beleidigt verzeih' es mir; Hab' ich Dir Schaden gefügt, o könnt' ich ihn dir erstatten. O ihr Lieben Alle, die mir Gott verbunden, die er an mein Herz gelegt und meines an eures, gebet mir euren Segensgruß; was ich gehofft an Wort oder That gegen euch, es sei vergessen, aber die Liebe, die erneute, verjüngte, steige herauf jungfräulich in unsren Seelen und erfülle sie! Ja, so, Hab' ich dies erlangt, dann fühl' ich mich ermuthigt, vor veinen Thron zu treten, allgerechter und allbarmherziger Gott, einen Tag des Gebetes der Buße, der Reue, des Flehens um deine Begnadigung, deine Vergebung, deine Versöhnung zu feiern — meine bange Seele richtet sich auf — laß es gelingen ewiger Gott, Gott meiner Väter, laß es gelingen — Amen. Zur Geschichte der Judenverfolgungen und der Blut-Jubiläen. Von Louis Weyl in Frankfurt a. d. Oder. Vorbemerkung der Redaction. Unsere Leser wiffen, daß wir es nicht lieben, die traurigen Geschichten der mittelalterlichen Blutscenen immer und immer wieder vorzuführen. Unsere Zeit bedarf noch anderer Heil- und Stärkungsmittel, bedarf noch allzusehr, daß Haß und Antipathie abgeschwächt und Spaltungen ausgefüllt werden, als daß es recht wäre, Gefühle der Bitterkeit immer wieder zu wecken. Allein in der jüngsten Zeit hat sich jene Macht, welche vorzugsweise die blutigen Verfolgungen unserer Väter hervorgerufen, zu sehr wieder in den Vordergrund gedrängt und in schrankenloser Anmaßung eine Machtfülle beansprucht, als daß wir nicht auch durch diese oder jene geschichtliche Erinnerung zeigen sollten, wohin die Herrschaft der Geistlichkeit die Menschen, namentlich die Volksmaffen gebracht hat. — In Brüssel war, wie auch in dieser Zeitung berichtet worden, für den 15. Juli c. von klerikaler Seite eine großartige Jubelfeier vorbereitet, durch welche nichts Anderes als das Andenken an die Abfchlachtung einiger Juden, die alldort vor fünfhundert Jahren (1370stattgefunden, so glänzend als möglich sollte verherrlicht werden?) — Ein ganz ähnliches Fest ist vor 71 Jahren in der Stadt Posen von Seiten der katholischen Bevölkerung der Commune und der Umgegend pomphast begangen worden. — Es war nämlich am 25. August anno 1799, als schon am frühesten Morgen die Straßen und Plätze Posen's eine so auffallende Belebtheit zeigten, daß man bei diesem Anblicke nur auf etwas Ungewöhnliches, auf etwas ganz Außerordentliches schließen konnte. Und in der That war's so Etwas, vas für diesen Tag der guten katholischen Stadt bevorstand. Sie sollte ja das Jubiläum feiern der furchtbarenJuvenniedermetzelung, welche daselbst im Sommer 1399, also gerade vierhundert Jahre vorher, von frommgläubigen Katholiken „zum größern Ruhme Gottes und der Kirche" — in majorem Dei et ecclesiae gloriam — war ausgeführt worden. „Und ein so würdiges Werk, in so würdiger Absicht geübt, erheischt wirklich eine würdige Gedächtnißfeier!" — So predigten seit Monden schon die Geistlichen von den Kanzeln herab, so redeten die Kirchenvorsteher in den Presbyterialversammlungen, und so sprachs die Menge gläubig nach, die man noch dazu durch verschiedene Schriftcheo und Flugblätter, im leichtesten Polnisch abgefaßt, über das große Miraculum von 1399 so gründlich als möglich zu belehren gesucht hatte. — Was für ein ungeheures Wunder aber war's denn eigentlich, das vor vier Jahrhunderten sich sollte zugetragen haben, und, um deffen Andenken zu feiern, heute so ungeheure Bolksmaffen, — wohl gegen 20,000 Köpfe zählend, — zusammengeströmt waren? — Drei consecrirte Hostien, —welche, heimlich entwendet zu haben, das Rabbinat und die Aeltesten der Posener Judengemeinde bezüchtigt wurden, — hatten (so ging auch die Sage) auf einen feinen Nadelstich eine Maffe Bluts von sich gegeben, wovon einige Tropfen, in das Gesicht eines Mifsethäters gespritzt, unauflösliche Spuren zurückließen, — hatten ferner ein blind gebornes Weib sehend, einen verkrüppelten Bettler gehend, einen Todtkranken frisch und gesund gemacht,— hatten endlich, in drei schneeweißeSchmett erlinge metamorphosirt, einen verstockten Sünder zum andächtigen Gebete gestimmt, eine gesunde Vieheerde auf ') Sie fand so vielen Widerstand, daß der Erzbischof von Mecheln die Prozession untersagte.

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