Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-04 · Heft 40 (4.10.1870) · p. Seite 796

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 40 (4.10.1870)
Date
1870-10-04
Page
Seite 796 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226744-3226785--28800-3302660
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

796 Ruhe und Frieden finden zu lasten, bis man an der Stelle, wo sie einstens versenkt gewesen, für ihre Aufbewahrung eine ganz besondere Kirche aufgebaut hatte.') — So weit die Fabel mit ihren Einzelheiten, wie sie von Treter, wenn auch gerade nicht erfunden, so voch «was aber diesen großen Gelehrten nicht minder in Schatten stellt» aus den allertrübsten Quellen abgefchrieben worden?) Und was ist Wahres an der Geschichte? Das Grausame nur, das sie enthält, — das Schreckliche und Entsetzliche nnr, — daß nämlich die Aeltesten der Posener Judenschaft mit ihrem Rabbiner, sämmtlich des Hostienraubes bezüchtigt, im Sommer 1399 durch Anwendung von Scheiterhaufen und wüthend gemachten Hunden ohne Gnade und Erbarmen vom Leben zum Tode gebracht wurden. Und wer war schuld an dieser Unthat? wer der Urheber dieser furchtbaren Katastrophe? — Kein Anderer als der oben bereits genannte Johannes Biczywol, der fromme Caplan von St. Dominik. In dem Treter'schen Berichte spielt dieser Mann allerdings nur eine ganz untergeordnete Rolle, während er in Wirklichkeit das traurige Verdienst hat, der erste Held der ganzen Affaire gewesen zu sein. — Man hat Bruchstücke gestruden von den — wörtlich niedergeschriebenen — Beichten, die der gedachte Priester der Dienstmagd Anna abgenommen, so wie auch von den Acten des langwierigen Prozeffes, den die Hostiengeschichte nach sich gezogen/) und eben diese Fragmente, in Verbindung gebracht mit den Angaben, die aus dem Leben und Wirken Johannes Biczywol's in der polnischen Literatur zerstreut sind, liefern ein vollständiges Bild, das mir ') Sie ward „Fronleichnamskirche" genannt. — An dem Orte, woselbst das Haus resp. der Keller sich befunden, in welchem der Sage nach die Inden die drei Hostien durch Nadelstiche rc. mißhandelt haben sollen , steht jetzt auch eine ,in der Jndenstraße und Krämergapc) belegcne Kirche, die im Munde des Lölkes schlechtschwarz „Kaplica" heißt. Da indessen dieses polnische Wort nichts Anderes als „Kapelle" bedeutet, so ist sicher anznnehmen, daß, wo heut' die Kirche steht, ehedem nur eine Kapelle gestanden. — Ganz dasselbe gilt von der — durch den ersten Jagiellonen, König Wladislaw V., gegründeten — Fronleichnamskirche, an deren Stelle sich ursprünglich auch nur eine einfache Kapelle befunden, die man schnell da ausgebaut hatte, wo 13'.W das Hostien - Wunder war in Scene gegangen. (Vgl. auch Dr. Perlcs „Geschichte der Juden in Posen." — Breslau 1865.) 2) Es versteht sich von selbst, daß aus Treter wiederum Andere «spätere Schriftsteller) geschöpft haben; so namentlich auch der Philippiner Kowalsky, welcher ivgl. Perles S. 8. Anm.) erst vor 3«) Jahren ein Werlchen veröffentlichte, worin er die Hostien-Wunder nicht nur umständlich berichtet, sondern auch zu beweisen sucht. 3) Bon diesem Prozesse wird später noch die Rede sein. hier treu, aber nur in der gedrängtesten Kürze, wiedergeben wollen.') ') Des bessern Berständuisses und der Vollständigkeit wegen müssen wir indesien doch noch über 3 Jahrzehnte aufwärts steigen, d. h. hinter das Hostien-Miraculum zurück gehen. (Fortsetzung folgt.) Beobachtungen aus der Zeit. Früge man Napoleon III., warum doch er den ihm selbst so verderblichen Krieg begonnen, da eine sichtbare Veranlassung nicht vorlag? so antwortete er: weil mich die öffentliche Meinung in Frankreich, weil mich der Geist der französischen Nation dazu nöthigte. Allem, wer hat diesen eroberungs- und herrschsüchtigen Geist wieder geweckt in dieser Nation? Kein Anderer als er selbst, Napoleon UI. Dieser Geist, freilich schon seit Ludwig XIV. lebendig im französischen Volke, war eingeschlummert von 1815 bis 1855 und äußerte sich nicht, bis mit dem Krimkriege der ftanz. Kaiser ihn von Neuem entfesselte, von den leichtfertigen Journalisten und den nach Pikantem sehnsüchtigen Schriftstellern nur zu sehr unterstützt. An einem und demselben Tage erschienen die deutschen Truppen vor den Thoren von Paris und die italienischen vor den Thoren von Rom. Beide, Napoleon und Pius IX. wurden von ihren eigenen Unterthanen abgesetzt, denn die Bewohner des Kirchenstaates riefen die italienischen Truppen herbei und öffneten ihnen überall die Thore. Dennoch waren es beide Völker nicht, welche sich von ihrem Joch durch eigene Kraft befteieten, denn ohne die Siege der Deutschen würde das Empire in Frankreich noch blühen und das Papstthum im Kirchenstaat noch herrschen. So viel Aehnliches läßt noch mehr Analogie erwarten, und wahrlich, es zeigt sich eine von selbst. Der Cäsar wollte die weltliche Obermacht in der ganzen Welt beanspruchen; die orientalische und italienische Frage, in Mexiko und in China, Spanien und Deutschland, überall maßte er sich die Entscheidung an, und wollte, daß fein Wille unfehlbar geschehe. Der Papst wollte die geistige Obermacht, er wollte unfehlbar sein, über Glauben und Wissen, über Denken und Meinen der Menschen gebieten, und — hierdurch auch die politischen und socialen Verhältnisse beherrschen. Jndeß darin unterschieden sie sich, daß Napoleon seinen Sturz wie ein Feigling und Schauspieler erträgt, Pius wie ein gesinnungsfester Mann und Märtyrer. Verlag von Baumgärtuer's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. 23. Hirsch seid, Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.