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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-04 · Heft 40 (4.10.1870) · p. Seite 787

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 40 (4.10.1870)
Date
1870-10-04
Page
Seite 787 (sequence 11)
Language
German
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787 bungen der israelitischen Fortschrittsmänner benimmt. Unser Schulwesen kömmt trotz Landtags- und Congreßbeschlüssen nicht vorwärts. In unserem Gebirge, wo die Orthodoxen Simultanschulen verlangen, ist bis heute auch nicht eine einzige confessionslose Schule zu Stande gekommen. Es blüht die Lehrmethode der Rebbes, in deren Schulen einzig und allein der polnisch-jüdische Jargon gesprochen wird, das goldene Zeitalter der Chedarim. Alle Träume der „Glaubenswächter" sind zu Schanden geworden und noch lange wird von einer geregelten Schule keine Rede sein. Nachdem die conftitutionellen Comitatsschulinspectoren die directe Ueberwachung der jüdischen Schulen von sich gewiesen haben, fand es das hohe königlich ungarische Ministerium für Cultus und Unterricht für gut die israelitischen Schulen des Landes bis zur Durchführung der Congreßbefchlüsse sich selbst zu überlassen. Es sind uns Schulen bekannt, wo seit Jahren Lehrerstellen unbesetzt bleiben, wieder andre, wo dem Lehrer der Gehalt seit Monaten nicht gegeben wird. Wäre es nicht an der Zeit, daß diese Uebelstände endlich aufhörten, oder werden diese Wirren anstatt abzunehmen täglich mehr und mehr wachsen? Die Anstellung des Ur. M. Kayserling als Oberrabbi und Prediger in Pest hat im Lande den freudigsten Wiederhall gefunden, und haben die Orthodoxen unseres Gebirges seine Wahl und Berufung mit um so größerer Aufmerksamkeit verfolgt, da ihnen der Geschichtsforscher Kahserling durch Herausgabe mehrer Werke nicht unbekannt geblieben ist. Wir constatiren dieses an dieser Stelle mit um so größerer Befriedigung, da wir von der Ueberzeugung beseelt sind, daß die Differenzen zwischen orthodoxen und Fortschrittsjuden gerade in Ungarn bei der Einführung des Religionsgesetzes weniger schroff hervortreten werden. Oberlehrer I. Rosenmeyer. Frankreich. Aus Frankreich, 29. Sept. (Privatmitth.) Daß wir in einer für Frankreich so unseligen Zeit irgend welche Mittheilungen unsre Glaubensgenossen betreffend nicht zu machen haben, ist voraussetzlich. Wo so ungeheuere Geschicke sich verwirklichen, wo so viel Zerrüttung, Chaos und Untergang eingetreten und sich von Tag zu Tage mehren, da verliert alles Besondere sein Interesse, und findet, selbst wenn es Theilnahme zu wecken vermöchte, kein Organ, um in die Oeffentlichkeit zu dringen. Wie die Israeliten Frankreichs auch an den unglücklichen Kämpfen, so haben sie auch ihren Antheil, ihren genügenden Antheil an dem unermeßlichen Unglück, das über die auch von ihnen so heiß geliebte und so hoch gestellte Nation gekommen ist. Den einsichtsvollen französischen Israeliten muß es ja doppelt schmerzen, das französische Lolk nicht blos in seiner Machtstellung, seinen Besitzthümern und seinem ganzen Glücke gestürzt zu sehen, sondern auch bittere Enttäuschungen über sittlichen Werth, Kraft und Lebensfähigkeit desselben erfahren zu müssen. Daß unter den Todten der Schlachtfelder, unter den Verwundeten der Lazarethe, unter den zahllosen Gefangenen viele französische Juden sind, versteht sich von selbst, und sind von den beiden letzten Kategorien auch uns einige persönlich aufgestoßcn. Was Wunder, daß alle die unermeßlichen Leiden des Krieges in reichem Maße auch unfern französischen Glaubensbrüdern zu kosten gegeben sind; denken wir nur an Straßburg, Metz, Toul und alle die in letzter Zeit viel genannten Orte, und jetzt an Paris und Umgegend. — In der Mitte dieser Ungeheuern Ereignisse verlieren wir den Mann nicht aus den Augen, der uns ein so großes und besonderes Interesse einflößt, Herrn Crsmieux. Daß derselbe von seinen Collegen mit Delegirten der anderen Ministerien nach Tours gesendet worden, also aus Paris entfernt ist, kann für uns unter den obwaltenden Umständen nur befriedigend sein. Er enffaltet eine große Thätigkeit; der Erfolg ist freilich nur ein beschränkter. Bereits streifen aber die Preußen bis über Orleans hinaus, und wie es heißt, wird Herr Crömieux mit der Rumpfregierung weiter wandeln und nach Toulouse übersiedeln. Möchten diese Männer doch endlich einsehen, daß, wie sie das Volk mit Täuschungen und durch eine trügerische Leidenschaft erhitzt, zur Fortsetzung des Kampfes aufgeregt haben, das Volk seinerseits sie täuscht und seine Kampfeslust nur Spiel trügerischer Leidenschaft ist. Mögen sic sich zum Friedensschluß unter allen Bedingungen entschließen, bevor Alles sich in Atome auflöst. Fürwahr, wir verkennen nicht das hohe Verdienst, welches sich diese Männer der provisorischen Regierung erworben haben, da sie im Augenblicke der höchsten Gefahr in den klaffenden Riß eintratea — 40*

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