Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1870)
- Date
- 1870-10-04
- Page
- Seite 783 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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783 hebräischer Druckwerke zumeist corrumpirt waren, war ein Hauptmotor der pilpulistischen Studirmethode, indem der Leser, den corrumpirten Text für den richtigen haltend, sich alle erdenkliche Muhe gab, und alle Hebel der Sophistik in Bewegung setzte, um einen irgendwie plausiblen, freilich oft barocken Sinn in den Text zu bringen. Die Wiederherstellung des ursprünglichen, klaren Textes macht die meisten Commentaren, alle künstlichen Interpretationen nicht blos überflüssig, sondern weist oft die Unrichtigkeit dieser auf das evidenteste nach. Jedes mit dem Aufgebote solcher Fachkenntniß und Belesenheit — die durch Vergleich der Varianten in den Parallelstellen das Richtige findet — wie geistreicher Combination edirte Werk ist eine Ehrenrettung unserer Alten, denen durch Verdrehung ihrer Ausspruche bisher oft lächerliche Ansichten zugeschrieben wurden. Ein Werk dieser Art ist Rabbinovitz „Dikduke Softim", in welchem Varianten zu Talmudtexten aus Manuscripten geliefert werden; solche sind Berliners Raschiausgabe, die Sifra und Mechiltaausgaben von I. H. Weiß, der zerstreuten, auf diesem Gebiete erschienenen Vorarbeiten von Rapoport, Zunz, Geiger, Frankel, Low und Jellinek nicht zu gedenken. Ein Werk von den angedeuteten Vorzügen ist das in der Ueberschrift genannte von Friedmann. Wohl ist die Mechilta vor einigen Jahren vom Collegen des Herrn Friedmann am Bet-ha-Midrasch, Herrn I. H. Weiß, herausgegeben worden, doch macht diese die Friedmann'sche nicht überflüssig, da Herrn Friedmann mehr Hülfsmittel zu Gebote standen, indem ihm die Herren vr. Jellinek und Halberstamm in Bielitz seltene Druckwerke und Manuscripte zur Verfügung stellten, die Herrn Weiß nicht Vorgelegen. — Einen besonderen Werth verleiht dieser Ausgabe die in 12 Capitel getheilte, treffliche Einleitung des Herausgebers, in welcher er die ganze Talmud- und Midraschliteratur ausführlich bespricht, den Studienmodus unserer Alten gründlich klar legt, den Ursprung der Bezeichnungen Halacha, Mechilta, Sifta, Sifrs, Mischna, Tosiphta rc. kritisch untersucht, die Berechtigung der, gewisien Tanaiten zugeschriebenen Autorschaft resp. Redaction dieser Werke genau Prüft, in welcher er ferner durch geistreiche Combination von jeher angenommene und fortgeerbte falsche Ansichten talmudischer Heroen wie vorerwähnter Gelehrten schlagend widerlegt und oft ganz über den Haufen wirft, und zu Resultaten gelangt, die in ihrer Originalität und schlagenden Evidenz überraschend sind, und nur staunen laflen, daß man dies früher nicht bemerkt habe, daß man das Columbusei so lange unentdeckt laflen konnte. Wir müßten den uns zu Gebote stehenden Raum überschreiten, wollten wir hier die Analyse dieses Wertes des Weiteren ausführen, es muß eingehend studirt werden, wir wollten darauf blos aufmerksam gemacht haben. Ein ausführlicher Index zur Mechilta, um über jeden beliebigen Bibelvers die betr. Stelle gleich zu finden, erhöht um ein Bedeutendes die Brauchbarkeit dieser Ausgabe. Der Berfafler gedenkt nun an den Sifrö zu gehen, doch sollte er zuvor der so sehr vernachlässigten Tosiphta sich annehmen, jedenfalls rufen wir ihm baldiges Wiedersehen auf diesem Felde zu. Von der hebr. Monatschrift „Haschachar" wurde soeben das erste Heft des zweiten Jahrganges ausgegeben. Ein Blick auf das Jnhaltsverzeichniß des ersten Jahrganges genügt, um den Freund der hebräischen Sprache von der Reichhaltigkeit und Vorzüglichkeit dieser Zeitschrift zu überzeugen. Keine der gegenwärtig erscheinenden hebräischen Zeitschriften dient der Wissenschaft so sehr wie diese. Sie hat bereits mehrere treffliche Monographien veröffentlicht, so die von vr. S. Rubin über die Kleidungsstücke und Schmucksachen der alten Hebräer, das „Buch der Jubiläen" in hebr. Sprache mit Einleitung und Noten versehen von demselben, Biographien des Tosaphisten Rabbenu Tam, der Oberrabbinen Horowitz und Rapoport u. m. A. gebracht, und wissenschaftliche Correspondenzen besonders von Rapoport und Jos. Perl. Zu erwähnen ist noch die ausführliche Beschreibung der im Nachlasse Pinskers Vorgefundenen, großentheils karaitischen Manuscr. (6 Bogen stark). Der Originalroman des Herausgebers, der die socialen und Culturzustände der polnisch-russischen, in den nässesten Chassidismus versunkenen Juden trefflich schildert, und durch Aufdeckung dieser Schäden einen Umschwung zum Besseren bezweckt, würde es verdienen von dem löblichen „Institut zur Förderung der jüd. Literatur" in deutscher Ueberfetzung herausgegeben zu werdcn. * j Die Herausgabe dieser Zeitschrift war, der Theilnahmlosigkeit wegen, auf welche derartige Unternehmungen in vielen Gegenden stoßen, fast ein Jahr hindurch sistirt, welche Zeit der Redacteur beutzte, den Westen Europas zu bereisen, um seinem *) Ins Englische wurde der bisher erschienene Theil bereits übersetzt, wie aus einer Recension in der hebr. Zeitschrift ersichtlich.