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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-10-04 · Heft 40 (4.10.1870) · p. Seite 781

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 40 (4.10.1870)
Date
1870-10-04
Page
Seite 781 (sequence 5)
Language
German
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781 in' den Füßen und Zehen, so daß also die ganze menschliche Gesellschaft, als Einheit in ihrer Vergangenheit und Zukunft gedacht, in ihrer Weltlichkeit auf irdenem Gestell beruhend erscheint; er setzt an die Stelle der vier Zeitalter Weltreiche als eine bestimmtere Gestaltung der Idee; aber er unterscheidet sich auch von den früheren Propheten, die speciell von Israel als dem Kernpuncte der ganzen menschengeschlechtlichen Bewegung ausgingen, zum Theil auch von einer messianischen Persönlichkeit sprachen, wie eben Daniel aus diesem engen Kreise in den Mittelpunct der asiatischen Bölkerbewegung versetzt war. Dies der Gedanke, der durch den Traum entwickelt wird, und den wir hier bis auf die Einzelheiten, in welchen er im Texte ausgeprägt wird, nicht verfolgen können. Auf Nebuchadnezar mußte er einen erschütternden Eindruck machen. Die Vergänglichkeit seiner eigenen Herrschaft und des von ihm mit unerhörten Anstrengungen gegründeten Reiches, und die Abhängigkeit alles Irdischen von einer höheren, von Gottes Macht, drangen ihm eine Anerkennung dieser Gottesidee ab, die sich in echt asiatischer Weise durch die weltliche Erhöhung der Träger dieser Lehre bethätigte. — Dieser Sieg hatte aber, wie er nach Außen trat, einen politischen Charakter durch die Erhebung jener Männer, welcher wahrscheinlich auch noch die Anderer gefolgt, angenommen. Um so eher mußte er Widerstand und Bekämpfung Hervorrufen. In Asien bildet die Abstammung eine unverwischbare Abscheidung viel stärker als in civilisirten Ländern, und die in die babylonische Staatswelt eingetretenen Männer bekannten ihren nationalen Standpunct nachdrücklich. Dies deutet uns im ersten Cap. die Beobachtung der Speisegesetze, im 2. (B. 25) die feierliche Einführung Daniels bei dem Könige an: „Es ist ein Mann von den Söhnen der Weggeführten aus Jehud." Einen solchen Kampf gegen die politische Geltung der jüdischen Partei bringt uns das 3. Cap. Vor Allem muß man auch in Betracht ziehen, daß die Anerkenntniß Gottes bei Nebuchadnezar nicht etwa eine entscheidende Veränderung seiner religiösen Ueberzeugung bedeutete. Sein Schluß war: „In Wahrheit ist's, daß Euer Gott der Gott der Götter ist." Die polytheistische Anschauung des Alterthums beschränkte sich nicht aus den Glauben an das Dasein der Götter, welche die eigene Nation anbetete, und aus denen, später als der Volksglaube entstanden. Dichter und Philosophen eine Art System bildeten, sondern man glaubte an die Existenz jeder Gottheit, welche eine Nation anbetete, und man bemaß die Macht eines solchen Gottes nach der Macht und der Widerstandskraft der betreffenden Nation. Durch den Vorgang mit dem Traum und dessen Deutung war Nebuchadnezar nur dahin gekommen, den Gott der Juden als einen überaus mächtigen, vielleicht als den höchsten Gott anzuerkennen, und sich in der Erregung des Augenblickes in einem hohen Lobspruch desselben auszulaffen. Dies trat jedoch seiner Verehrung der chaldäischen Götter durchaus nicht hindernd in den Weg. Eine andere Folge jener Anschauung war es, daß die nationale Religion insofern einen politischen Charakter annahm, als die unterworfenen Völker den Nationalgott deS Siegers als einen überaus mächtigen anerkennen mußten. Wie umgekehrt die Römer die Götter der unterworfenen Länder und ihren Dienst nach Rom verpflanzten, um sich diese Gottheiten günstig zu machen und Rom zur Capitale des Götterdienstes ebenso wie zum Mittelpunct aller politischen Macht zu erheben: so forderten die asiatischen Dynasten die Anbetung ihrer Nationalgotthett durch die Vertreter der von ihnen unterjochten Völker als eine persönliche Huldigung, als eine Anerkennung ihrer eigenen Herrschaft. Sie verlangten nicht, daß diese Völker den Cultus dieses Gottes einführten und an die Stelle ihres bisherigen Cultus setzten; sie überließen es ihnen ungehindert, ihren Nationalgöttern treu zu bleiben, aber sie mußten in öffentlichen Acten vor dem Gotte ihres Siegers sich beugen und ihn anbeten, weil eben hiermit ein Zeugniß ihrer Unterwerfung abgelegt wurde. Einen solchen Act schildert uns das 3. Cap. Eine Verweigerung solcher Anbetung war ein mit dem Tode zu bestrafendes Verbrechen, nicht aus Religionsverfolgung, sondern als ein Act politischen Ungehorsams, Abfalls und Widerstandes. Vom jüdischen Standpuncte aus aber verhielt sich dies ganz anders. In der Anerkenntniß eines einzigen, unkörperlichen Gottes war die Anbetung eines Götzenbildes , die anderen Göttern dargebrachte Huldigung ein religionswivriges Verbrechen höchster Art, das freilich als solches von den heidnischen Völkern nicht begriffen werden konnte. Den jüdischen Männern blieb keine Wahl; sie mußten entweder ihrer Religion abtrünnig werden, oder die Anbetung anderer Götter, selbst nur eine äußerliche, bis in den Tod verweigern. Daß eine solche Gesinnung von den Feinden der jüdischen Partei bei der ersten Gelegenheit benutzt wurde, um diese bei 'Nebuchadnezar zu stürzen, lag nahe. Als Nebuchadnezar von großen Kämpfen und Sie-

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