Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1870)
- Date
- 1870-10-04
- Page
- Seite 780 (sequence 4)
- Language
- German
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780 tung finden und bedroht sie mit dem Tode, wenn sie dies nicht vermochten, weil sie ihn dann von jeher betrogen hätten, und führt dies bereits zum Theil aus. Aeußerlich genügt auch der angegebene Grund für das Verfahren des Despoten, und zwar um so mehr, als bei Joseph und Moses die Wahrheit der Deutung durch die bald einzutretenden Thatsachen sich erweisen mußte, während für den Traum Nebuchadnezars eine Verificirung unmöglich war, den Auslegern also der Spielraum frei war. Allein das innere Motiv ist nickt zweifelhaft. Durch die Forderung, daß die Weisen den Traum selbst wissen und aussagen sollten, wurde das Geheimnißvolle, das Wunderbare, die Nothwendigkeit einer göttlichen Einwirkung erhöht, unzweifelhaft. Menschlicher Scharfsinn vermochte hier nichts. Auch Joseph weist es ab, aus sich selbst den Traum des Königs deuten zu können, „nicht ich," ruft er aus, „Gott wird beantworten das Heil Pharaos!" (1 Mos. 41, 16), auch Moses wird von Pharao aufgefordert, bei Gott für ihn fürzubitten; aber von weiterer Folge Lei ihm ist es nicht, und Pharao verfolgt selbst die freigelaffenen Israeliten zum rothen Meere. Wie anders an unserer Stelle. Daniel und seine Genossen flehen Gott um Erbarmung an (B. 18), „in einem Nachtgesichte wird ihm das Geheimniß geoffenbart" (B. 19). Daniel spricht ein Dankgebet, worin es heißt (B. 21): „Er ändert Zeiten und Geschicke, setzt Könige ab, setzt Könige ein, verleihet Weisheit den Weisen und Erkenntniß den Einsichtskundigen," und in diesen Worten wird uns bereits der Kerngedanke des Ganzen angegeben. Schon in der ersten Antwort Daniels an den König hebt er viel nachdrücklicher als Joseph hervor (B. 27, 28), daß kein Mensch es dem Könige kundzuthun vermöge, „aber es giebt einen Gott im Himmel, der Geheimnisse offenbaret, und dem Könige Nebuchadnezar zu wiffen that, was da sein werde in der Folge der Tage! Dein Traum und die Gesichte deines Hauptes auf deinem Lager, diese waren sie" <vgl. B. 29). So schreibt er auch B. 37 die große Mackt des Königs als ihm „vom Gott des Himmels" (B. 37, 38) verliehen zu. Am Schluffe fällt Nebuchadnezar auf sein Angesicht und bekennt (V. 47): „In Wahrheit ist's, daß euer Gott der Gott der Götter, der Herr der Könige, der Geheimniffe offenbart, da du vermocht hast, dieses Geheimniß zu offenbaren." Dies war der erste Sieg, den die Lehre Israels im chaldaischen Reiche errang, und der sich zunächst darin bethätigte, daß Daniel zum Mitglied des höchsten Rathes, zum Obersten der Vorsteher über alle Weisen Babels" und zum Pascha über die Landschaft Babel selbst erhoben wurde und seine drei Genoffen in die Verwaltung der Landschaft Babel eintraten. War nun dieser Sieg äußerlich durch die wunderbare Offenbarung des geheimnißvollen Traumes erwirkt worden, so mußte er doch ganz besonders durch das innere Moment, welches der Traum selbst lieferte, vorbereitet und befestigt werden. Was war nun der Gedankeninhalt des Traumes? Wir haben in unserem Commentar zur Stelle nachgewiesen, daß alle auf die geschichtlichen Weltreiche zielenden Auslegungen unzulänglich sind. Schon die sehr verschiedenartigen Deutungen auf diese und jene historisch bestandenen Reiche zeugen dafür. Sind es ja auch, genau genommen, nicht vier, wie man annimmt, sondern fünf Reiche, die aufgeführt werden. Auch sieht man in der historischen Deutung nicht ein, wie die aufeinander folgenden Reiche als sich fortwährend verschlechternd bezeichnet werden können, da die spateren sowohl an Umfang als an sittlicher Kraft und Größe bedeutender als die früheren waren. Vielmehr müffen wir erkennen, daß in dem Traume allgemeine Ideen versinnbildlicht sind, welche ungleich höher stehen, als historische Winke, die doch kein Zeitgenosse verstehen konnte. Schon die Aufeinanderfolge der Metalle giebt uns hierfür die nächste Veranlassung. Wir haben eine Verarbeitung der antiken Anschauung der vier Zeitalter vom jüdischen Seher im israelitischen Geiste. Der Traum drückt den Gedanken aus, daß kein menschliches Reich bestehend wäre, daß vielmehr eines auf das andere folgen und das vorhergehende zertrümmern, durch diese beständigen Bernichtungskämpfe die Sittlichkeit in ihnen immer mehr sinken würde, bis sie so aus Stärke und Schwäche, aus Bestand und Gebrechlichkeit gemischt, so in sich verworren (B. 41—43) würden, daß ihr Ende von selbst gegeben und durch unmittelbare Einwirkung GotteS herbeigeführt würde. Aber statt daß bei den heidnischen Dichtern hiermit das Ende der menschlichen Welt einträte, läßt der israelitische Seher an die Stelle jener menschlichen Reiche das Gottesreich kommen, ein seiner Natur nach unwandelbares Reich (Stein, nicht Metall), dessen Herrschaft keinem einzelnen Volke überlassen wird (V. 44), ein allgemeines, ewig bestehendes, von Gott unmittelbar gegründetes Reich der Menschheit, eine Versöhnung der menschlichen Wirklichkeit mit der göttlichen Idee eines vollkommenen Zustandes der Menschheit. Er erweitert jene antike Anschauung durch die Mischung des Thones mit dem Eisen