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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-09-27 · Heft 39 (27.9.1870) · p. Seite 775

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 39 (27.9.1870)
Date
1870-09-27
Page
Seite 775 (sequence 19)
Language
German
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775 „Wenn es nur geringe Dauer hätte, wird es wohl gehen; auf lange Zeiten bin ich nicht eingerichtet, denn was ich mir erspart, steht bei meinem Hause, und dies vermag jetzt nichts flüssig zu machen." „Wohl," fiel jetzt der Besuch mit etwas lauterer Stimme ein, „so kann ich allen Ihren Wünschen entgegenkommen. Sie sollen Frankreich in großer Gefahr wesentliche Dienste thun, Ihre Kenntnisse verwerthen und zugleich einen großen Lohn für Ihre Thätigkeit empfangen!" Aloys machten diese großen Verheißungen etwas stutzig; er kannte den Mann zu wenig, um zu wissen, wie weit er ihm vertrauen dürfe; er faßte ihn schärfer ins Auge und erwiderte nur: „Und auf welchem Wege wäre mir das möglich?" Auch sein Wioerpart blickte ihn scharfer an, und sprach mit nachdrücklichem Tone, der dem Zuhörer verrathen sollte, daß er noch mehr meine, als er sage: „Sie werden begreifen, daß es unter den Umständen, zu welchen die öffentliche Lage gekommen, es unserer Regierung, es dem Kaiser selbst vor Allem auf treue, zuverlässige Männer ankommen müsse, um durch diese die Zustande und Verhältnisse, den Geist, die Kräfte und die Bewegungen in Preußen und Deutschland genau kennen zu lernen, unterrichtet zu sein von den Rüstungen des Feindes, von seinen Plänen, den Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, und der Art, wie sie benutzt werden sollen. Männer, die sich solchen Unternehmungen widmen, werden sich das größte Verdienst um Frankreich erwerben und zugleich auf die unbeschränkte Dankbarkeit rechnen dürfen, die jedoch nicht bloß in schönen Worten, sondern zugleich in der reellsten Weise sich bethätigen soll. Sie, junger Mann, sind ganz wie dazu geschaffen. Sie stehen frei, unabhängig, von Familie nicht beschränkt da, besitzen noch deutsche Sprache und deutsches Wesen in vollstem Maße und sind dabei Frankreich, wie Sie eben gesagt, mit Leib und Seele ergeben. Es eröffnet sich Ihnen eine glänzende Laufbahn. Wollen Sie?" Aloys hatte diese Eröffnung zuerst mit Staunen, dann mit namenloser Entrüstung augehört. Er war aufgesprungen und stand mit blitzenden Augen und geballten Fäusten vor dem Manne. „Sagen Sie es doch offen heraus", schrie er, „ich soll Spion werden, französischer Spion an meinem deutschen Geburtslande, an denen, zu welchen ich durch Abstammung und Sprache gehöre, wenn mich das Schicksal auch lange von Ihnen getrennt! Welche Veranlassung habe ich Ihnen gegeben, mich für so niedrig und erbärmlich zu halten? Mein Blut könnte ich für Frankreich verspritzen, aber keinen Verrath, keine treulose Hinterlist üben! Gehen Sie, und wagen Sie es nicht wieder, die Schwelle eines Mannes zu übertreten, dem Ehre und Redlichkeit das höchste, das alleinige Gut Der Franzose hatte nach den ersten Worten vor der gewaltigen Stimme, die Aloys in seiner ungewöhnlichen Aufregung ertönen ließ, den Rückzug etwas eilig angetreten; an der Thüre wandte er sich noch einmal um, blickte voll Hasses auf den empörten jungen Mann und rief ihm zu: „Deutscher Hund, vermaledeiter Jude, du sollst es bezahlen!" Hiermit war er verschwunden. Aloys blieb in einer unbeschreiblichen Stimmung zurück. Aus dem letzten Zuruf seines Versuchers glaubte er herauszuhoren, was den Mann vermocht habe, sich gerade an ihn zu wenden. Er vergaß des polnischen Flüchtlings und dachte nur an sein deutsches Judenthum. Eines solchen Menschen glaubte man sicher zu sein, wenn man nur den Kaufpreis ihm böte. „Immer noch", murmelte er voll Bitterkeit vor sich hin, „immer noch der alte Fluch! Wir mögen ringen und arbeiten, Ehre und Sitte mehr erweisen, als alle ihre Lassen, Ernst und Würde behaupten in allen Drangsalen und in den härtesten Prüfungen — es hilft Nichts, man verachtet uns, und in dieser Verachtung traut man uns das Elendste zu .. ." Aber die Lage unseres Aloys war durch diesen Zwischenfall nicht geklärter, sondern nur noch verworrener, gefährdeter geworden. Die Rache dieses Menschen, der seinen Plan so offen gescheitert sah, einen Plan, auf den er wahrscheinlich selbst schon Entwürfe gesetzt, mußte sich schnell über ihn ergießen. Er durfte keinen Augenblick mehr zögern, und wußte durchaus nicht, was er thun solle. Die Gefühle, die wir eben geschildert, zitterten wohl noch in seiner Seele nach, als er bei dem wiederaufgenommenen Rundgang durch sein Zimmer vor feinem Bücherrucke sinnend stehen geblieben. Ein thätiger Geschäftsmann, noch dazu in Paris, weilt selten vor seinem Bücherbrett und weiß zuletzt nicht mehr genau, wie es auf ihm beschaffen ist. Aloys hatte da droben viele Reliquien aus seinem bewegten Leben und den verschiedenen Studien stehen, denen er in ihm obgelegen. Sie waren in mehrfachen Reihen hintereinander gepackt. Sein Blick fiel zufällig auf das mittlere Brett. In der vordersten Reihe befand sich eine Lücke; er hatte wohl einige Bücher verliehen. Aus dieser Lücke sah ihn ein unscheinbarer altmodischer Band an, den er leicht übersehen konnte. Heute gewahrte er ihn, und es traf ihn in seltsamer Weise. Er holte ihn herunter und hielt ihn in der Hand. Ach, es war das Gebetbuch seiner Mutter , das einzige Erbe und Erinnerungszeichen, daß er eine Mutter gehabt, die ihn — er erinnerte sich dessen wohl, obwohl fast zwanzig Jahre darüber hinweggegangen — so überaus geliebt; er war ihr einziges Kind, und sie hatte ihn an ihrer Brust genährt ... Er gebrauchte es selten; alle Jahre einmal am hohen Dersöhnungstage. Aus welchem anderen Buche hätte er da wohl beten mögen, da er sich Religion und Gottheit ohne diesen Hauch der Mutterliebe, ohne diesen Geist der reinen, unverfälschten ewigen Liebe gar nicht denken konnte. Er hielt es in Händen, schlug es langsam auf. Vielleicht gewahrst du Etwas, was dir Rath und Kraft ertheilt, fühlte er instinctartig. Auf dem Blatte vor dem

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