Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1870)
- Date
- 1870-09-27
- Page
- Seite 776 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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776 Titel standen einige hebräische Worte geschrieben. Wie oft hatte er sie gesehen und übersehen, so viele Ehrfurcht er auch davor empfand. Sein Vater hatte sie hineingeschrieben , bevor er das Gebetbuch seiner Braut am Hochzeitstage übergeben. Es waren die Namen und das Datum, letzteres durch die Buchstaben eines Psalmverses ausgedruckt, und der Vers war der Psalmspruch: „Walz' auf den Ewigen deinen Weg, und trau' auf ihn, der wird's vollbringen!" Aloys blickte lange auf diese Worte; sie zogen ihm langsam in die Seele; sie bewegten und erfrischten ihn. Die Wege seiner Mutter mochten wohl schon als Mädchen dornenvoll genug gewesen sein, daß der Vater es für gerathen hielt, ihr diese Worte zuzurufen, und selbst an diesem hohen Tage des Glückes mochte er voraus wiffen, daß er selbst, der arme, iüdische Lehrer, nicht immer vermögen werde, den Weg seiner Geliebten eben und geradeaus zu machen. Bald aber sprach Aloys zu sich selbst: „Sehr gut; auch ich möchte es und meinen Weg auf den Ewigen wälzen — aber das Verhangniß dieses Gottes hat mich an einen Scheideweg gestellt, wo ich entweder rechts oder links gehen muß, und sagt mir nun nicht, welcher der rechte, den ich einschlagen solle . . . Soll ich hier stehen und warten, bis die Schergen kommen und mich in den Kerker werfen . .." Er blickte noch einmal auf das Buch; da gewahrte er ein Stück Papier in demselben, ein bedrucktes, mit großen Buchstaben. Er mochte es wohl als Zeichen, wo er beten solle, am letzten oder vorletzten Bersöhnungstage hineingelegt haben. Er nahm es heraus. Es war ein abgerisienes Stück von einem älteren Zeitungsblatte, und es fielen ihm sofort die Worte in die Augen: „Internationale Gesellschaft zur Pflege Verwundeter im Kriege auf Grund der Genfer Convention." Darunter stand das Local angegeben, in welchem sich das Bureau des Vereins befinde. Das Uebrige war abgerisien. Aloys erschrak heftig; seine Hände zitterten; das Buch wäre ihm fast entfallen. Es kam ihm vor, als ob eine Stimme aus dem Geisterreiche, die Stimme seiner Mutter oder Gottes ihm jene Worte in das Ohr geraunt; wie ein Blitz zuckte es durch seine Seele. Er steckte das Gebetbuch in seine Brusttasche, behielt das Blatt in seiner Hand, nahm Hut und Stock und war im Augenblicke aus seinem Zimmer. Er wußte ja nun, was er zu thun. Das Blatt hatte es ihm gesagt; er erinnerte sich jetzt deutlich alles dessen, was auf dem abgerisienen Zeitungsblatte gestanden. Der Verein hatte sich damals in Paris constituirt, und suchte nach Mitgliedern, die ihm ihre Beisteuern;uwandten und an seinen Arbeiten Theil nähmen. Man wollte die Mittel segensreicher Wirksamkeit ausbilden, die zweckmäßigsten Wege des Verfahrens erforschen und feststellen, und möglichst Borräthe für zukünftigen Gebrauch ansammeln. Er hatte damals die Gesellschaft freudig begrüßt, ohne sich berufen zu fühlen, Theil zu nehmen, wozu er sich die Fähigkeit nicht zutraute. Jetzt aber mußte dieser Verein zahlreicher, tüchtiger Menschen bedürfen, als Heilgehülfen, Krankenträger, Wärter, Männer voll Hingebung und Treue, Jünglinge voll edelsten Eifers und reiner Aufopferung, und dahin, war ihm klar, gehöre er. Das konnte er übernehmen; da wäre kein Unterschied, ob Deutscher oder Franzose, ob Jude oder Christ, ob er auf dieser oder auf jener Sette stände; hier befriedigte er Alles und verletzte Nichts; unter dem Schutze dieses Vereins konnte ihm Niemand Etwas anhaben, Niemand ihn herausholen. Ein wahres Entzücken erfüllte sein Herz, und aus seiner Seele stieg ein Dankgebet hinauf, wie es seinen Lippen noch nicht heißer entflossen war. Eine Stunde spater war er bei dem Vereine enrolirt, bekam Instructionen, wohnte dem Cursus bei, und legte die unverletzlichen Zeichen feines neuen Standes an. Seine Mtttel reichten noch hin, sich nach der Anweisung seines neuen Vorstandes zu equipiren, und bald stand er den Befehlen desselben zu Gebote. Als er vierzehn Tage später den Marsch antrat, fühlte er beim Abschiede aus seinem Zimmer nach der Brusttasche, wo das Gebetbuch seiner Mutter sich befand. Er sprach vor sich hin die Worte: „Wälz' auf den Ewigen deinen Weg, vertrau auf ihn, der wird's vollbringen!" Beobachtungen aus der Zeit. Die meisten Menschen, die unter welchen Verhältnissen, in welchem Stande es sei, einen großen Sturz erfuhren, müssen sich sagen: hättest du das nicht gethau, wie anders wäre es gekommen? d. h. sie selbst sind Schuld an ihrem Falle, da sie in ihrem Ehrgeiz, oder ihrer Gewinnsucht, oder in einer andern Leidenschaft das Maß nicht einhalten konnten. Schwerlich gab es eine Zeit, wo binnen Kurzem sich so viele gewöhnliche Sprüchwörter als Wahrwörter erwiesen, wie die jüngst verflossene. „Hochmuth kommt vor dem Fall"; „der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht"; „wer Anderen eine Grube grabt, fallt selbst hinein"; „wen Gott verderben will, den macht er zuvor blind" und weitere. Je verbretteter und also wahrer ein Sprüchwort aber ist — desto weniger wird eS beachtet und befolgt! Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.