Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1870)
- Date
- 1870-09-27
- Page
- Seite 774 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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774 Es nähern sich die heiligen Feste, die uns Deine Gnade bestimmt hat, uns, den Söhnen des alten Israels, seit Jahrtausenden zu unserm Heile, Feste der Heiligung, der Weihe, der Läuterung. Wir erwarten sie, wir werden sie andächtig begehen — aber wir fragen nicht: wann endet das Jahr? sondern: wann endet dieser fürchterliche, dieser menschenverschlingende Krieg? Wir fragen nicht — verzeihe die Sünde! — wird die Versöhnung uns gelingen? sondern werden die Völker endlich zur Aussöhnung kommen? werden sie Frieden schließen, endlich Frieden? werden sie die bluttriefenden Waffen niederlegen, der Sieger sich mit seinem Preise genügen, der Besiegte zugestehen, was er nicht vorenthalten kann? Oder werden immer neue Streitfragen aufkommen, immer noch die Verzweiflung kämpfen wollen, immer noch Täuschung und Ingrimm anfstacheln und Widerstand und Verrath brüten? Herr der Geschicke, Lenker des Berhängniffes! Deine sJicxtuic hat Frieden und neigt der Ruhe zu, der Rast im Schaffen, und Deine heiligen Feste, die zum Frieden führen sollen und Frieden ausrufen. Frieden innen und außen, Versöhnung in unserm Geiste und mit den Menschenbrüdern! sie nahen und kommen zu uns, und ihr Hauch weht uns an und ihre Stimme tönt zu uns — aber wenn Du uns nicht Frieden giebst von diesem schrecklichen Völkerkampfe, ist der Frieden Deiner Schöpfung nicht für uns da, und rufen Deine Feste uns vergebens Frieden zu'. . . Was werden wir da erflehen von Dir, wenn nicht: laß unsere Söhne und Brüder zurückkehren aus dem todbringenden Kampfe! Was wird unsre Herzen erfüllen, wenn nicht die Sorge und die Angst um unsre Kinder draußen, wenn nicht das Entsetzen über die Gräuel des Krieges, wenn nicht die Furcht über all den gestörten Erwerb, all den Verlust an Besitz, all die trüben Aussichten, und das Mitgefühl mit dem bodenlosen Elend hüben und drüben, mit all den Gräbern und den Trauernden auf ihnen, mit all den Wunden des Leibes und der Seele ... O, es ist nicht auszureden'. — Unserm Geiste wird der Schwung fehlen zu Dir empor, als zu solcher Bitte, unser Blick wird immer umherirren auf den Kampfesfeldern, nicht nach innen wird er sich senken, dort die Fehle zu gewahren und die Schäden, die auszubeffern, der Sünden werden wir vergeffen, sie zu sühnen, und die Buße wird vor uns entweichen, da wir der Sorgen und des Kummers, der Nöthen und Bedrängnisie nicht vergeffen können!... Vater, hilf uns! — Ja, Herr, Du hast uns geholfen, denn wir sind die Sieger — aber wir vermögen deffen nicht zu jubeln, bevor der Frieden nicht gekommen. Du hast uns geschützt und gerettet, denn der Feind betrat unsre Grenzen nicht, und unsre Wohnungen sahen den Zerstörer nicht — aber wir können uns deffen nicht freuen, da wir selbst Feinde sind, und die Unsrigen die Wohnungen Anderer zerstören. Ach, jeder Sieg ist eine Niederlage von Menschenbrüdern, jeder Triumph der Unsrigen weckt die Verzweiflung in den Herzen Anderer, und sie kosten auch uns Opfer, theure, kostbare Opfer! .... Vater! Vater Aller, die diese Erde beschreiten'. Brauchen wir Dir zu sagen, um was wir flehen? Was ist aller Segen der Natur vor dem Segen des Friedens? Wo ist Heil zu finden an den heiligen Festen, wenn der Frieden nicht dabei ist? Wir danken Dir für Alles, Alles, was Du uns thust — aber unsre Herzen werden überfließen des Dankes und das heiligste Fest feiern und süßer Rast entgegengehen, wenn Du uns Frieden verleihest — ja, der „Frieden schafft in seinen Himmelshöhen, er wird uns Frieden schaffen, uns, ganz Israel, der ganzen Menschheit" — Amen. Ein Conflict. (Schluß). „Nicht wahr, Herr Aloys, Sie sprechen fertig Deutsch?" „Gewiß", lautete die Antwort, „wie meine Muttersprache." „Aber Sie sind doch eigentlich Pole?" „Mit Leib und Seele." „Haben Sie noch Beziehungen in Deutschland?" „Seit meiner Kindheit nicht mehr." „Wie lange sind Sie schon in Frankreich?" „Mehr als sechs Jahre." „Ging es Ihnen hier stets gut, und gefiel es Ihnen in Paris?" „Beide Fragen kann ich bejahen. Ich fand die Franzosen stets freundlich, gefällig, in keiner Weife versteckt und tückisch, geneigt, das Verdienst anzuerkennen und einen Fehler zu übersehen. Ich kam aus meiner Heimath als Flüchtling, ohne Heerd und Vaterland, ohne Thätigkeit und Erwerb, und Paris hat mir dies Alles geboten, und zwar in der liebenswürdigsten Weise. Was mir das Geschick zu genießen noch übrig ließ, das reichte und gewährte mir Paris." „So fühlen Sie sich Frankreich dankbar verpflichtet und werden ihm gern Ihre Kräfte widmen, wenn Sie ihm dadurch nützlich sein können?" „Sicherlich, und wäre es mit dem Aufgebote aller meiner Kräfte, mit den Opfern treuester Hingebung verbunden." „Sie sind jetzt ohne Beschäftigung?" fuhr der unermüdliche Frager fort. „Allerdings; mein Haus hat große Verluste erlitten, und die plötzliche Stockung aller Geschäfte hat ihm seine sämmtlichen Gehülfen überflüssig gemacht." „So laffen Sie mich noch einmal indiscret sein: haben Sie Vermögen oder sonstige Mittel, um davon leben zu können, bis die Zeiten wieder besser geworden?"