Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1870)
- Date
- 1870-09-27
- Page
- Seite 773 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Ju-cnthums. Feuilleton-Beilage zu Nr. 39. Leipzig, den 27. September 1870. Am Abend nach der Schlacht bei Wörth.*) Der Donner der Kanonen schwieg. Geschlagen war die blut'ge Schlacht, Von allen Lippen tönt es „Sieg"'. Und nieder senket sich die Nacht. Sie giebt den müden Augen Ruh, Deckt sie mit ihrem Schleier zu. Doch seht, da schreitet noch ein Held Von Thür zu Thür, von Haus zu Haus, Aus seinem Aug' die Thrane fällt, Sein Mund ruft einen Namen aus. Es fehlt ja heut manch' theures Haupt, Wer weiß, was ihm der Tod geraubt. Da kommt ein Arzt des Wegs daher, Ermattet von der Arbeit heut, Der sieht den Helden müd und schwer, Da ist zu helfen er bereit. Er fragt ihn, was er suche da. Er sei ein Arzt und Hilfe nah. Da spricht der Preuße: „Hör mich an. Ich such' noch einen Juden heut, Den ich sogleich nicht finden kann. Die Wunde schmerzt, der Weg ist weit. Wir sind bereits neun Juden hier Und ach es fehlt der Zehnte mir. Es ist bei uns ein edler Brauch, Des Vaters Sterbetag ist heut, Ihn will ich ehren heute auch, Ist noch so schwer und trüb die Zeit. Kein Jahr versäumt ich das Gebet, Wo man für ihn zum Ew'gen fleht." Dem Arzte zuckt das Auge feucht. „Ich bin ein Jude, geh' mit Euch," +) S. im Hauptblatt „Berlin, 14. Sept." Bewegt er ihm die Rechte reicht. Ihm war um's Herz so weh und weich. Er wandert mit dem guten Sohn: Das ist die ächte Religion. In einer Kammer eng und klein, Vom Hauche Gottes nur durchweht, Da treten beide Kämpfer ein Und flüstern leise ihr Gebet. Da lagern sie auf nassem Stroh, Verwundet und doch glaubensfroh. Ein Lämpchen still und einfach brennt, Sie beten laut, sie beten hell, Ob von der Heimath auch getrennt; — O reiner Glaube, heil'ger Ouell! Ein neues Blatt zu deinem Ruhm, Mein Vaterland, — mein Judenthum. Görlitz. Louis Wurm. Gebete während des Krieges. XII. Der Sommer ging vorüber , Gluth wechselte mit Kühle, blendendes Sonnenlicht mit dunklem Gewölk — wir merkten es kaum: der Sturm des Krieges und die Flamme des Krieges verdeckten uns die Erscheinungen der Natur. Der Sommer ging in den Herbst hinüber; dieTage werden kürzer,dieNächte kühler,Regenschauer fahren beständig über die Erde hin, das Laub nimmt bunte Farben an, welkt und fällt, die Früchte werden eingesammelt, die Aecker sind leer und die Gärten verlassen — wir merkten es nicht; was dort draußen geschieht, wo die Geschosse donnern und die Schwerter klirren, die furchtbaren Zusammenstöße der menschlichen Leidenschaften, der politischen und kriegerischen Kampfe, das nimmt unsere Seelen ein und stumpft den Blick ab für alles Andere, für den Segen, den Deine Schöpfung uns gewahrte, für die Lust und die Beschwerde, die sie vertheilte.