Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1870)
- Date
- 1870-09-27
- Page
- Seite 767 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226784--28770-3302629- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
hier gelegenen Städtchen, wurde dieser Tage ein Ehepaar getraut, welches das hiesige Rabbinat auf Grund von Eben Haeser 11, 1 Zurückgewiesen und dessen Trauung aufs Strengste verboten hatte. Solche rabbinische Uebergriffe gehören in Galizien nicht zu den Seltenheiten, und so manche geschiedene Frau heirathet ihren geliebten Cohen, der vorsichtshalber ein Jahr früher den Priestersegen nicht mehr spricht, indem eine tüchtige Spende ein sich Rabbiner nennendes Männlein veranlaßt, die Trauung zu vollziehen. Der Mainzer „Israelit", der bei der Heß'schen Asfaire so gewaltig in die Trompete stieß, würde hier in Galizien überaus viel zu thun haben, wenn er nicht das Unglück hätte, in unsrer Provinz nur dem Namen nach bekannt zu sein. Frankreich. Bonn, 18. Sept. (Privatmitth.) Das jüngste Heft der Arch. isr. (vom 15. d.i ist nun auch nicht mehr angekommen; Paris ist cernirt, abgeschnitten von der übrigen Welt. Das Schicksal Frankreichs und namentlich seiner Hauptstadt hat das höchste politische Interesse, aber wahrscheinlich nicht minder ein moralisches. Wenn ein Volk durch das Zusammentreffen ungünstiger Umstände Niederlagen erlebt, die es nicht verschuldet hat, gegen welche es sich kräftig, aber erfolglos wehrt, so erweckt es unser tiefstes Mitgefühl, das mit der Größe des Widerstandes und der Schwere der Verluste steigt. Aber wenn eine Nation in der unbegrenztesten Selbstüberhebung, in dem unerschütterlichen Glauben an ihre Unüberwindlichkeit, in der äußersten Begriffsverwirrung über Civilisation und brutale Gewalt sich aufs Leichtfertigste, Ungerechteste, weil ohne allen Grund, in den Krieg stürzt, den Untergang ihres Gegners für zweifellos hält, und — plötzlich in einen bodenlosen Abgrund sich gestürzt sieht, aber auch im Fallen ihr Verhängniß nicht begreift und von der Täuschung lebt — dann drängt sich uns außer dem Mitgefühl die Befriedigung des Rechtsbewußtseins, die Gewißheit auf, daß moralische Jrrthümer sich ebenfalls an einem Volke wie an einem Individuum unaufhaltsam rächen. Es ist ein großartiges Schauspiel, das selbst den Unbetheiligtcn tief ergreift. Es ist eine Lehre, die so erschütternde Kraft auf Jahrhunderte hat, daß sie selbst den Satz, die Menschen lernen nichts aus der Geschichte, unwahr macht. Welchen Eindruck dieses Gericht an der Familie Bonaparte und an Frankreich nun aber aus diejenigen machen muß, welche von den beabsichtigten Schlägen befreit worden, mit einem Worte auf die siegende Nation, brauchen wir nicht auszuführen. In den Becher der Siegesfreude mischen sich so viele Thränen über die schweren, zahllosen Opfer, daß an Siegesrausch und Siegesübermuth nicht zu denken ist. Doch begnügen wir uns mit dieser allgemeinen Andeutung. — Wir erhielten in diesen Tagen ein Exemplar der Memelcr Zeitung, in welcher Herr Dr. Rülf einen Brief veröffentlicht, den.er an Cremieux gerichtet hat, ihn zu bewegen, als Mitglied der provisorischen Regierung alle seine Kräfte auf die Erlangung des Friedens zu verwenden. Das Schreiben ist gewiß sehr gut gemeint, aber von Erfolg kann es darum nicht sein, weil Cr6mieux gewiß ebenso sehr wie irgend Einer vom Verlangen nach Frieden beseelt, aber nicht im Stande ist, den Strom zu hemmen, in welchem die Pariser Bevölkerung und mit ihr die provisorische Regierung schwimmt. Cremieux — unsre Leser theilen unser Interesse an dem hochgeehrten Manne — ist von der prov. Regierung nach Tours gesandt, in Begleitung von Delegationen aller Ministerien, um wahrend der Belagerung von Paris, wo bis jetzt wenigstens die anderen Mitglieder und die Minister verblieben sind, in den, vom Feinde noch nichr occupirten Departements die Regierung zu vertreten und die Verwaltung zu leiten. Er ist am 12. d. dort angelangt und im erzbischöflichen Palaste abgcstiegen. Am 13. erließ er eine Proclamation an die „Franzosen," welche, und deshalb erwähnen wir des Vorgangs, sich sehr vortheilhaft vor den anderen Proklamationen der provisorischen Regierung auszeichnet, und zwar weil sie, in würdigster Sprache abgefaßt, an die edelsten Gefühle der Eintrackt und Vaterlandsliebe appcllirt, aber auch nicht das Geringste jener wilden Leidenschaften, des Ingrimms und Hasses gegen die Feinde, keine Aufforderung zu tückischer Rache, kein einziges Wort enthält, das den Frieden zu hindern vermöchte. Dies schien uns werth zu sein, mitten aus einer so wildaufgeregten Zeit zu registriren. Bonn, 19. Sept. (Privatmitth.) Zu unserer Befriedigung sind die Arch. isr. vom 15. d. nun doch noch hierher gelangt. Unsere Bemerkung, daß wir 39*