Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1870)
- Date
- 1870-09-27
- Page
- Seite 768 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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768 mit der Aufstellung einer besonderen Rubrik „Xouvel- >68 militaires israelites" nicht einverstanden seien, hat die Redaction der Arch. isr. sehr übel ausgenommen, und polemisirt weitläufig dagegen. Wir halten den jetzigen Zeitpunct nicht für angemessen, uns in Streitigkeiten über einen doch nur nebensächlichen Gegenstand einzulassen. Nur mußte sich unser geehrter College keiner logischen Verdrehung schuldig machen. Er findet es „lächerlich", daß in den deutschen Juden, deren Gleichstellung noch vor zwei Monaten gerade in den höchsten Momenten ihrer Erfüllung noch entbehrte, z. B. daß in Preußen kein Jude Richter wurde, das Bewußtsein der Gleichberechtigung stärker sein könne, als vielleicht in einer großen Anzahl französischer Juden. Aber ist es nicht klar, daß gerade die Verweigerung das Bewußtsein eines Rechtes am meisten schärft? Den französischen Juden ist die Emancipation in den Schoß gefallen; wir deutschen Juden kämpften seit einem Jahrhundert darum, haben sie Staffel für Staffel errungen und werden auch die letzten Hindernisse überwinden. Gerade solch ein Kampf stählt das Bewußffein, und läßt selbst in der Seele des Ungebildetsten ein seines Gefühl aufkommen für die Ansprüche, die man zu machen berechtigt ist, und für die Ansprüche, die an uns gestellt werden müssen. Daß übrigens in Fankreich die religiöse Toleranz auch noch nicht zu ihrem Endziel gekommen, dafür sprechen zahlreiche Daten in jedem Hefte der Arch. isr., und die soeben durch die öffentlichen Blätter gehende Nachricht, daß in Oberelsaß Banden umherziehen, auf deren Fahnen zu lesen ist „Tod den Protestanten!" und daß es auch Fahnen gab mit „Tod den Juden!" welche letztere man aber bald als zu mittelalterlich wieder zurückzog. Man will nämlich den religiösen Fanatismus zu Hülfe nehmen und giebt alle Deutschen für Protestanten aus. — Wir entnehmen den Arch. isr. folgende Nachrichten: Als neulich der Bischof von Straßburg den bekannten Versuch einer Vermittelung machte, war er vom Straßburger Großrabbinen Aron begleitet. — Zum Commandanten der Artillerie von Arras ist der Artillerie- Escadron-Chef Nathan, ein sehr tüchtiger Officier jüdischen Glaubens, ernannt. — Am 4. Sept. hat ein Bataillon Freischützen unter dem Commando eines Glaubensgenossen, Herrn Jules Aronssohn, wesentliche Dienste geleistet. Das Bataillon war die einzige organisirte Truppe, die der provisorischen Regierung zu Gebote stand. Zunächst war H. Aronssohn in der Kammer bei dem Volkssturme gegenwärttg und schützte mit seinem Körper und seinem Wort den General Palikao, indem er rief: „Ich vertheidige nicht den Minister, aber den General!" Dann holte er das Bataillon herbei und führte die 1200 Mann nach dem Stadthause. Als um 5 Uhr die HH. Gambetta, Picard, Magnin und Laurier aus dem Stadthause traten und vergebens sich aus der Menge frei machen wollten, war es der Commandant Aronssohn mit der Avantgarde des Bataillons, welcher die Mitglieder des Gouvernements aus dem Gedränge befreite, sie nach dem Ministerium des Innern escorttrte und sofort die Posten besetzte. Nach der Inctependance ist jetzt derselbe Aronssohn mit seinem Bataillon aus Paris dem Feinde entgegen gezogen. — Der Minister des Auswärtigen, Favre, hat zu seinem Cabinetssecretär den Herrn Hendle, Advocaten am Appelhof, erwählt, der Justizminister, Crcmieux, hat den Advocaten Leven zum Chef feines Cabinets bestimmt. — Herr S. H. Goldschmidt hat der Alliance 50,000 Frcs. für die Ackerbauschule zu Jaffa geschenkt, da die Casse für diesen Gegenstand erschöpft war. Anzei gen. Die hiesige Stelle eines Vorbeters, Schächters und Relionslehrers ist sofort zu besetzen. Dieselbe gewährt bei einem fixirten Gehalte von 200 Thlrn. incl. der Nebeneinkünfte ein jährliches Einkommen von mindestens 350 Thlrn. Bewerber um diese Stelle wollen ihre selbstgeschriebenen Anträge unter kurzer Angabe ihrer bisherigen Thätigkeit schleunigst dem Unterzeichneten einreichen. Perleberg, den 12. September 1870. Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde. L. Blumenthal. Anzeige. Die hiesige Religionslehrerstelle verbunden mit dem Vorsängeramte ist auf sofort oder bis zum 1. Novbr. d. I. wieder zu besetzen. Das Gehalt betragt pro anno 250 Thaler. Qualificirte Bewerber wollen sich unter Beifügung ihrer Zeugnisse an den Unterzeichneten portofrei wenden. Rhoden <im' Fürstenth. Waldeck), im Aug. 1870. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde. Levy Löwenstein.