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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-09-27 · Heft 39 (27.9.1870) · p. Seite 764

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 39 (27.9.1870)
Date
1870-09-27
Page
Seite 764 (sequence 8)
Language
German
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764 Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 14. Sept. (Privatm.) Die „Tribüne" und andere hiesige Blätter theilcn folgenden Zug einer rührenden Pietät! mit: Ein jüdischer Militär-Arzt berichtet den Seinigen aus dem Felde, wie er in der Nähe von Wörth einen verwundeten Soldaten vor einem Hause umherspähend angetroffen und vermuthend, daß er ärztlichen Rath brauchte, ihn gefragt habe, was er suche. „Einen Juden!" antwortete der Soldat und — „den haben Sie in mir gefunden" der Arzt. „Dann hätte ich eine Bitte an Sie" — meinte jener. „Einer meiner Kameraden hat heute den Sterbetag seines Laters zu begehen, noch nie in seinem Leben hat er es versäumt, wir sind unsrer erst neun, uns fehlt der zehnte Mann!" Natürlich folgte unser Arzt gern der Bitte. In einem engen Stübchen waren 9 verwundete Soldaten mit ihm versammelt, sie gehörten meist Regimentern aus der Provinz Posen an, auf dem Tische in der Stube brannte eine kleine Nachtlampe, der Leidtragende betete vor und sprach die Sterbegebete zum Gedächtniß seines Vaters, der in der fernen Heimath seit Jahren die letzte Ruhestätte gefunden. Selten, schließt der Erzähler, war ich andächtiger, und in tiefer Bewegung entfernte ich mich schnell, um diese vor den ohnehin angegriffenen Leuten zu verbergen. — Sie werden Obiges um so eher wiedergeben, als auch mir der Vorgang verbürgt ist. Dagegen sind die Uebertteibungen, welche sich andere jüdische Blätter zu Schulden kommen lassen, wahrhaft lächerlich und rufen nachtheilige Dementis heraus. Ein jüdisches Blatt behauptete, es standen 30,000 jüdische Soldaten in den deutschen Heeren. Nun können doch wir Juden nur nach dem Verhältnis der Bevölkerung ungefähr im Heere vertteten sein; in allen jetzigen deutschen Ländern iaußer Oesterreich) wohnen aber nur 400,000 Juden. Sollten von diesen 30,000 im Heere sein, so müßten von den 40 Millionen Deutschen 3 Millionen unter den Waffen sein! Ein andres jüdisches Blatt behauptet mit gleicher Extravaganz, in den Posener Regimentern wäre der 4. Mann ein Jude! Ein drittes läßt den bekannten Generalstabschef der kronprinzlichen Armee, Herrn von Blumenthal, von Juden abstammen und talmudische Studien gemacht haben — was gänzlich aus der Luft gegriffen ist. Klingt dies Alles nicht wie nach französischem Journalmuster?! Berlin, 14. Sept. (Privatmitth.) G. Der traurige, blutige Krieg, der so plötzlich heraufbeschworen, hat manchem Friedenswerke eine so fürchterliche Pause gebracht, daß er selbst auch auf die Förderung der Gemeindeangelegenheiten einen nachtheiligen Einfluß ausübt. Seit der unseligen Kriegserklärung tritt wie natürlich jede geistige Bewegung in den Hintergrund. Man hat nur Berichte vom Schlachtfelde und singt nur die Wacht am Rhein und andere Vaterlandslieder. — Es versteht sich von selbst, daß uns diese Gedanken am nächsten liegen, und die Friedhöfe, die wir leider jetzt zu häufig besuchen müssen, und die Trauernden, denen wir auf jedem Schritte begegnen, lassen kein anderes Thema aufkommen. In den Synagogen, Kirchen, Schulen, in den Kunstanstalten u. s. w. überall derselbe Inhalt, dieselbe Grundlage der verschiedenen Vorttage. Die Geistlichen geben sich unsägliche Mühe, aus ihren Texten politische Unterlagen zu bearbeiten, und der arnre Jesaja hat vom Trostessabbathe bis heute furchtbar herhalten müssen. Es erinnerten mich diese Predigten fast an die Bolksreden von 1848, und ich vergaß ganz, daß ich mich in einem Gotteshause befand und würde schon um's Wort gebeten haben, hätte mir nicht der große Schammes Schweigen auferlegt. So vortrefflich diese Reden auch waren, so künstlerisch sie auch vorgetragen, ebenso unangenehm berührten sie den Hörer, da das Gotteshaus dergleichen politische Auslassungen als Haus der Friedens verwerfen muß. Können wir doch sonst selbst am Sabbath die Ruhe und den Frieden in der Synagoge nicht finden, die uns vor den fortwährenden Kriegsnachrichten und Todeslisten so nothwendig sind. Gott gebe, daß wir bald Frieden bekommen, damit wir zu den einfachen Deducttonen unserer heiligen Thora zurückkehren. Die eingettetene Stille in der Gemeinde wird dann und wann durch Hildesheimer'sche Reden unterbrochen. Es sind dies eigenthümliche Themata, die auf eine noch eigenthümlichere Weise bearbeitet werden z.B. „der Fortschritt und die Fleischtöpfe," „die großen Gebäude," „der Kampf der Jasager gegen die Neinsager" u. s. w. Der letzte Vorttag ist erst angekündigt worden und soll auf die französische Republik anspielen, in welcher

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