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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-09-27 · Heft 39 (27.9.1870) · p. Seite 763

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 39 (27.9.1870)
Date
1870-09-27
Page
Seite 763 (sequence 7)
Language
German
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763 fühlen uns nur noch veranlaßt, eine allgemeine Bemerkung hinzuzufügen. Daß dieser von den Franzosen aus Eroberungslust nach dem Rheinlande, Belgien und der französischen Schweiz in der unverantwortlichsten Weise heraufbeschworene Krieg in uns Deutschen eine gerechte feindselige Stimmung gegen die Franzosen erwirkt hat, daß hierbei die groben Fehler, die an der französischen Nation haften, so recht ans Licht traten, das Trugsystem seitens der oberen und die Unwissenheit und Selbstverblendung seitens der unteren Volksschichten den Deutschen widerwärtig geworden, ist ganz natürlich. Aber wir halten es ebenfalls für eine Selbstverblendung, wenn diese gerechtfertigte Entrüstung die Deutschen dahin brachte. Alles, was die Franzosen jemals geleistet, zu verkennen und zu verdammen, und Alle, die unter ganz verschiedenen Umständen und Berhältniffen mit den Franzosen in Verbindung standen oder deren glänzende Eigenschaften sogar bewundert, als Berräther an Deutschland zu brandmarken. Sie kämen dadurch in den Fall, über mehrere ihrer größten Männer den Stab zu brechen. Wir wollen hier nur zwei nennen, Friedrich den Großen und Alexander v. Humboldt, welcher letztere einen großen Theil seines Lebens in Paris zugebracht und viele seiner Schriften in französischer Sprache verfaßte. Das wäre eine Verirrung, die uns nicht zur Ehre gereichte, und die nach kurzer Zeit von uns selbst belächelt würde. Nichts ist leider wahrer, als daß den Franzosen alle Confequenz, alle Energie, etwas Begonnenes in demselben Geiste aus- und durchzuführen, fehlt, und daß sie, immer aus einem Extrem in das andere verfallend, zu einer gesegneten Entwickelung nicht geeignet sind. Aber ebenso wahr ist es, daß sie einen Geist der Initiative besitzen, dem Europa, und insbesondere Deutschland Vieles zu verdanken hat, wenn auch letzteres stets schwer zu ringen hatte, sich von den Uebeln wieder zu befreien, welche die Franzosen ihren großartigen Anfängen immer Nachfolgen ließen. Man wird uns hierin Recht geben, wenn man an die Literatur und Geschmacksbildung der Franzosen in der zweiten Hälfte des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erinnert, die philosophische, poetische und wiffenschaftliche, sowie an die Umwälzung von 1789. Aber man vergißt noch Eines, woraus wir durch die oben gedachte Veranlassung zunächst hingewiesen sind, nämlich an die zwanziger und dreißiger Jahre. Der Kampf, den die französische Depuürtenkammer gegen den Absolutismus und Klerikalismus unter Karl X. führte, und die Julirevolution von 1830, während im übrigen Europa die stärkste Reaction und im Volke ein völliger Schlummer stattfanden, die bei längerer Dauer alle Geistesfrische und Geistesfreiheit erdrücken mußten, haben den politischen Geist in den europäischen Völkern geweckt und waren der Beginn einer großartigen Entwickelung, in welcher sie jetzt noch arbeiten und fortschreiten. Daß die Franzosen sich der Früchte selbst wieder beraubten, einerseits durch wahnwitzige Theorien wie Communismus und Socialismus, andrerseits durch Corruption und revolutionäre Krämpfe ihr ganzes Staats- und Volksleben zersetzten, das ist ihr Fluch. Je mehr wir uns deffen bewußt werden, desto weniger dürfen wir ihnen ihr Verdienst absprechen. Je mehr wir sie über jene Neigungen beklagen, desto willkommener müßte es sein, ihre guten Leistungen mit Dank anzuerkennen. Und weil wir Deutsche schließlich die Sieger sind, die Sieger nicht blos mit den Waffen, sondern auch in Wiffenschaft und Kunst, in der politischen und socialen Entwickelung, steht es uns um so eher an, das zu würdigen, wodurch die Franzosen unsre Bahnbrecher waren. Noch einmal betonen wir es, daß in den zwanziger und dreißiger Jahren die Franzosen sich große Verdienste erworben, und daß es daher sehr erklärlich ist, wenn damals einige Deutsche für jene eine Hinneigung empfanden, ohne daß hiermit die Vaterlandsliebe geradezu in Widerstreit kam. Wer jene Zeiten selbst mit durchgelebt hat, der weiß es und wird es, wenn er nicht verblendet ist, zugestehen. Sind damals auch einige Uebertreibungen vorgekommen, so muß dies mit den Berhältniffen entschuldigt werden. Herr Fritz Reuter wird wahrend seiner Festungszeit auch nicht sehr von patriotischer Bewunderung der deutschen Zustände erfüllt gewesen sein. Auch kamen die Deutschen ebenso bald wieder davon zurück, wie etwaKlopstock und Schiller von ihrer Bewunderung von 1789 und 1790, als sich in Frankreich die Guillotine statt der Gerechtigkeit, und der Terrorismus statt der Freiheit etablirte. Seien wir gerecht, und enthalten wir uns jeder Brutalität in Gesinnung, Wort und Thal.

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