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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-09-27 · Heft 39 (27.9.1870) · p. Seite 762

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 39 (27.9.1870)
Date
1870-09-27
Page
Seite 762 (sequence 6)
Language
German
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762 Verfeinerung der Sitte und zur Klarheit der Gedanken beiträgt, so kann man plumper, sogar brutaler Äußerungen gewärtig sein. Wir Juden sind nicht so ungerecht wie unsre Gegner. Wenn wir an einem Schriftsteller Vorzüge bemerken, so übersehen wir, wenn er mitunter den Inden arg mitspielt und sie vorzugsweise in den schlimmeren Theil seiner Carricaturen hineinzieht. Fritz Reuter malt Juden mit Vorliebe von häßlichen Seiten. Es ist aber, so weit es uns bekannt ist, noch kein Jude feindselig gegen ihn aufgetreten; vielmehr kennen wir mehre jüdische Kritiker, die ihm überaus viel Gutes nachgesagt. Dies ist aber für eine» Autor wie Reuter von großem Werthe; denn bei allem Trefflichen und Wirksamen, das er in seinen zahlreichen Werken producirt, bietet er doch sehr viele schwache Seiten, die ihn heftigen Angriffen aussetzen könnten. Aber meinem Falle sind wir empfindlich, und das ist, wenn der Autor persönlich und in öffentlicher Gesellschaft brutal gegen uns auftritt. In Schriften kann man voraussetzen, dem Verfasser paßte gerade eine solche Figur, und so wie er gute und schlechte Christen malt, mag er, wenn er nur schlechte Juden schildert, doch immer zugestehen, daß es deren auch sehr viele gute giebt. Diese Entschuldigung hört auf, wenn er persönlich spricht und persönlich beleidigt. Die Eisenacher wißen von der Art, in welcher Reuter überhaupt öffentlich zu sprechen sich nicht scheut, zu erzählen, und haben mit Schrecken erlebt, wie Reuter öffentliche Feste, Concerte und dgl. in wahrhaft roher Weise zu unterbrechen und zu stören versteht. Am 3. September veranstaltete man zur Ehre Wilhelms, des Componisten der „Wacht am Rhein", ein solennes Abendeffen, an welchem mehrere Herren sehr erhebende Reden hielten. Da trat auch Herr Reuter auf, und äußerte u. A.: „in den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts seien die deutschen Geister zum Theil so verblendet und vaterlandsverrätherisch gewesen, daß sie Napoleon I. für einen Heros der Menschheit gehalten und gefeiert hätten; und die das gethan, das seien besonders diese elenden Judenbengels wie z. B. Heinrich Heine gewesen, der sich nicht gescheut habe, Napoleon zu verherrlichen, wie beispielsweise durch das Lied „Nach Frankreich zogen zwei Grenadier" u. s. w. Hiergegen ist nun dieser „offene Brief" gerichtet und geißelt den Herrn Reuter in der schlagendsten Weise. Er zeigt ihm das Ungehörige seines Betragens und sein unwürdiges und irriges Uriheil über Heinrich Heine und Ludwig Börne. Er sagt: „Nun, jeder deutsche Primaner weiß es und kann es Ihnen, der Sie es nicht wissen, oder nicht wissen wollen, sagen, daß diese beiden Judenbengels, Heinrich Heine und Ludwig Börne, ihr deutsches Vaterland so glühend liebten, daß sie in Frankreich, in Paris ein Asyl suchen mußten, weil in Deutschland, Dank der hohen Censur und der bundestäglichen Demagogen-Riecherei und Verfolgung, ihres Bleibens nicht war. Diese beiden Judenbengels haben nicht Deutschland, das ihnen über Alles lieb war, sondern die verrotteten, elenden Zustände in den deutschen Staaten, das Zopfthum, die Polizeiwillkür, die Niederhaltung jeder freien Regung, die Lüge und die Erbärmlichkeit, welche damals die Signatur der Mehrzahl deutscher Regierungen war, diese haben sie mit der Scharfe ihres Geistes und ihrer Feder in so freier, wahrer, kühner Weise angegriffen und gegeißelt, wie kein christlicher Schriftsteller ihrer Zeit. Diese Geißelungen aber, diese rücksichtslose Aetzung der Wunden des deutschen Vaterlandes haben die Geister in Deutschland aufgerüttelt und nicht wenig beigetragen zur Erhebung des deutschen Volkes im Jahre 1848, der wir bei allen ihren Fehlern und Verirrungen im Einzelnen, doch die Wiedergeburt des einheitlich-nationalen Gedankens und fteiheitlicher Bestrebungen verdanken, die heute in so großartiger Weise endlich zum vollen Durchbruch gekommen sind und die Triumphe unserer Tage bilden." — Er führt dann Stellen aus Heine's Schriften an, welche seine Liebe zum deutschen Baterlande beweisen, Stellen, welche außerordentlich vermehrt werden könnten. Das von Reuter angeführte Lied ist keine Verherrlichung "Napoleons, sondern der einfachen Soldatentreue, und endlich war Napoleon I., von seinen wüsten Leidenschaften abgesehen, immerhin ein so großer, genialer Mensch, daß er Bewunderung abgewinnen muß. H. Heine ist ein deuscher Dichter, an den Reuter mit seiner Genremalerei nicht heranreicht. Aber in der Aeußerung Reuters liegt auch eine Verdächtigung der Juden überhaupt, und gegen diese wendet sich zuletzt der Verfasser. Er zeigt kurz, daß Napoleon allerdings Verdienste um die Juden hat, daß dies aber die Juden nicht im Entferntesten in ihrer Liebe zum Vaterlande, in ihrer Treue gegen dasselbe, in ihrem Streben nach Bildung, in redlicher und gesetzlicher Führung, in Menschenliebe und Wohlthätigkeitssinn behindere. Zuletzt erinnert er Reuter an sehr unangenehme Auftritte, die dieser Mann bereits wiederholt veranlaßt hat. Wir empfehlen diese Broschüre unseren Lesern, und

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