Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1870)
- Date
- 1870-09-27
- Page
- Seite 760 (sequence 4)
- Language
- German
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760 arabische und die neueste Zeit. Wie kurz aber war das Exil, nach welchem sich der Schwerpunkt alsbald wieder nach Palästina verlegte; wie verhältnißmaßig kurz die alexandrinische und römische Zeit, da die erstere durch die der Zerstörung Jerusalems folgende Feindseligkeit gegen die Juden unterbrochen, die letztere erst mit dem Aufhören des römischen Rationalhaffes anhob und mit dem Siege des Chriftenthums aushörte. Auch die spanisch-arabische Epoche währte nicht lange, da der Sieg der Spanier über die Mauren ihr ein Ziel setzte und die Blüthe der arabischen Cultur schnell abwelkte. Bedenkt man also, daß die Juden immer erst selbst einiger Zeit bedurften, um sich dem Culturzustande der Völker zu nähern, so wird man begreifen, daß die Erfolge nur unbedeutend sein konnten, da sie stets so schnell und so gänzlich abgeschnitten wurden. Man darf hiermit nicht die Polemik verwechseln, die immerhin seitens der Juden auch zu anderer Zeit geführt wurde, so jedoch, daß äußerst wenig davon in die Außenwelt drang, ihre Wirksamkeit also mehr nach innen, zum Schutze und zur Verdeutlichung innerhalb der eigenen Kreise diente. Es ist daher von den desfallsigen Bestrebungen nur sehr wenig übrig geblieben und mußte erst aus dem Schutte der Zeit, der sich darüber gelegt, herausgegraben werden. Daß die Verbreitung der jüdischen Lehre zur Kenntniß und Erkenntniß eine ganz bestimmte Tendenz der alexandrinischen Juden geworden, die sich an die griechische Uebersetzung der h. Schrift knüpfte, zum Theil aber auch wohl diese selbst hervorgebracht hatte, ist uns aus der näheren Erforschung der jüdisch-griechischen Dichter, deren Resultate wir vor Kurzem in diesem Blatte bekannt gemacht, klar geworden. Mit diesen Poeten verband sich auch ein philosophisches Streben mit ähnlicher Aufgabe, wie die des Peripatetikers Aristobul und des Platonikers Philo, so wie geschichtliche Werke sich nicht minder daran reihten, obgleich man bei Philo ebenso gut eine Wirkung von außen nach innen, als von innen nach außen anzuerkennen hat. Aus der römischen Zeit besitzen wir mit dem angegebenen Zielpuncte nur die Schrift des Äosephus über die Alterthümer, dem sich noch dessen polemisches Buch gegen Apion anreihen läßt. Außerdem haben wir nur vereinzelte Bemerkungen lateinischer Schriftsteller, welche sich darüber beklagen, daß in Rom jüdische Sitte vielfache Verbreitung und die jüdische Lehre viele Anhänger gefunden. Ebenso können wir aus mehrfachen Gesetzen und Rovellen der oft- und weströmischen christlichen Kaiser im Codex Theodosianus und Justinianeus, welche gegen den Uebertritt zum Judenthume Beschränkungen und Verbote enthalten, zurückschließen, daß der letztere nicht zu den Seltenheiten gehörte. Aus dem babylonischen Exil liegen uns aber authentische Documente vor. Zunächst sind es die Reden und Verkündigungen Jecheskels und des zweiten Jesaias, welche davon Kunde geben, daß der jüdische Geist sich zu dem Blick auf die anderen Völker und auf die Verbreitung der Gotteslehre erweitert hatte, und diese als ein bestimmtes Ziel ins Auge faßte. Allein wir sehen dies nur als eine allgemeine Unterlage an, die eine Beweiskraft erst dann zu haben vermag, wenn wir concrete historische Erscheinungen aufgefunden haben. Wir werden hierzu um so mehr genothigt, als das eigentliche Strebeziel beider Propheten, besonders des 2. Jesaias, die Restauration der Juden in Palästina, also in ihrer national religiösen Existenz war, die Verbreitung der Gotteslehre unter den Völkern jenen also nur als allgemeine Anschauung vorschwebte. Jene geschichtliche Documentirung einer thatsächlichen Bewegung liegt uns aber nun in dem ersten Theile des Buches Daniel (Capp. 1—6) vor, welchem bei aller sagenhaften Ausschmückung die geschichtliche Thatsäcklichkeit noch 3Niemand abgesprochen hat. Diese Capitel sind von diesem unserm Gesichtspuncte aus, außer in unserem Commentar im Bibelwerke, noch niemals betrachtet worden,*) und wollen wir deshalb speciell darauf eingehen, um so mehr als wir darin eine scharf markirte Analogie mit der Jetztzeit finden werden. Das 1. Cap. bietet uns sofort eine vollständige Grundlage für den von uns vorausgesetzten Zweck. Als Nebuchadnezar den Jojakim in dessen 3. Regierungsjahre und Jerusalem gedemüthigt, befahl er „von den Söhnen Israels, nämlich vom königlichen Geschlecht und von den Vornehmsten" Jünglinge, die „schön von Ansehen," begabten Geistes und kenntnißreich wären, auszuwählen und nach Babylon zu bringen, um „im Palaste des Königs zu dienen," und verordnete zugleich, diese zu unterrichten „in dem Schriftthum und der Sprache der Chaldäer" (Dan. 1, 3. 4). Unter diesen befanden sich Daniel, Chananjah, Mischael und Asarjah. Diese *) Herzfeld in seinem trefflichen Geschichtswerke schildert die äußeren Verhältniffe der babylonischen Exulanten ausführlich und zeichnet „ihre allmälige religiöse Erhebung" mit Scharfsinn, zieht aber eben nur diese, nicht aber ihre geistige Wirksamkeit nach Außen in Betracht.