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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-09-27 · Heft 39 (27.9.1870) · p. Seite 759

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 39 (27.9.1870)
Date
1870-09-27
Page
Seite 759 (sequence 3)
Language
German
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759 was an positiv religiöser Wahrheit in dieser vorhanden ist, spricht unzweifelhaft das Gegentheil aus. Vielmehr erkennen wir den richtigen Gang für die menschliche Entwickelung darin, wie wir es in unseren Schriften ausführlich dargestellt und begründet haben, daß die religiöse Wahrheit einer bestimmten Nation in der nationalen Umhüllung übergeben war, um sie zu bewahren, bis die übrige Menschheit allmälig dafür reif geworden. Diese Bestimmung hatte das israelitische Volk vor dem Ursprung des Christenthums und des Islams dem Heidenthume gegenüber, dieselbe Bestimmung nach dem Ursprünge dieser positiven Religionen ihnen gegenüber. Gerade hierin liegt aber auch der allgemeine historische Grund für den Mangel an propagandistischen Bewegungen im jüdischen Volke, für seine.Zurückgezogenheit in religiöser Beziehung auf sich selbst. Man erinnere sich, daß auch die Bewegung, welche das Christenthum erzeugte, zuerst nur innerhalb der jüdischen Masse stattfand und sich auf sie beschränken wollte, daß es zwischen den Aposteln selbst zu heftigem Streite kam über die Frage, ob man auch über das jüdische Volk zu den heidnischen Nationen hinübergehen dürfe und solle, ein Streit, der den vielen Widersprüchen zu Grunde liegt, welche die Schriften des fg. Neuen Testamentes nach dieser Beziehung hin enthalten. Mit dem Augenblicke, wo diese Bewegung die Grenzen des jüdischen Volkes überschritt, nahm sie eine völlig veränderte Gestalt an und entstand erst das eigentliche Christenthum. Es hatte sich nunmehr vom Judenthume abgelöst. Der Islam aber entstand gar nicht im Schoße des jüdischen Volkes, sondern entlehnte nur bedeutende Elemente aus dem Judenthume. Der Mosaismus stellte seinen großen Lehrinhalt auf und gestaltete ihn sofort national, indem er die Ausstrahlungen jenes in und zu einem nationalen Wesen verkörperte. Wir sehen daher auch weder durch Josua, noch in den Zeilen der Richter und Könige irgend eine religiöse Bewegung nach Außen; vielmehr hatte der Lehrinhalt, d. i. die Erkenntniß und Anbetung des einzigen, unkörperlichen Gottes, selbst im Schoße der Nation mit dem Heidenthume zu ringen, um es hier wenigstens allmälig zu besiegen. Erst das Prophetenthum in seiner Entwickelung erhob sich zur deutlichen Aussprache, daß der Lehrinhalt des Mosaismus für die allgemeine Menschheit geeignet und bestimmt sei. Es entwickelte dieses aus alten Keimen zu immer größerer Deutlichkeit und Ausführlichkeit. Jesais 2, 2—4 und Mich ah 4, 1—4 citiren einen älteren Prophetenspruch, daß die Offenbarungslehre des Einzig-Einigen die dereinstige Glaubenslehre aller Völker sein werde, die dadurch zum allgemeinen Frieden gelangen.*) Von da ab dringt diese prophetische Anschauung aus allem Bestreben der Propheten um die nationale Sache immer klarer hervor, und gipfelt in dem Ausspruch, daß dereinst alle Völker der Erde unter der Erkenntniß des einzigen Gottes eine Einheit in religiöser, sittlicher, politischer und socialer Beziehung bilden werden.**) Sehen wir nun auf die Geschichte selbst und die von ihr gegebenen Berhältniffe, so erkennen wir leicht, daß ihrer inneren Tendenz gemäß die Juden, so lange sie, sei es in staatlicher Existenz, sei es inmitten der Völker durch Ausschließung auf sich selbst zurückgezogen lebten, an eine propagandistische Bewegung für ihre religiösen Ideen nicht denken konnten, hingegen eine solche, nicht zu Gunsten einer Proselytenmacherei an Individuen, sondern zur Verbreitung der jüdischen Lehre immer eintreten mußte, wenn die Juden aus ihrem eigenen Kreise in die allgemeine Welt hinausgetreten waren und an dem allgemeinen Culturleben sich betheiligten. Solcher Perioden hat es trotz der langen Geschichte Israels doch nur wenige gegeben, und selbst dann war den Juden stets nur ein verhältnißmäßig sehr kurzer Zeitraum für eine derartige Entwickelung vergönnt. Es ist, wie wenn sich hierin ein providentieller Gedanke offenbare, die Juden nicht allzusehr aus sich herausgehen zu lasten, damit sie sich nicht vorzeitig in die Völkerwelt verlören, und so der Wahrung der ganzen religiösen Idee verloren gingen. Wir haben hier nur die Exilzeit in Babylon, die alexandrinische und römische Zeit, die spanisch- *) „Sein wird's in der Folge der Zeiten: gegründet wird stehen der Berg des Hauses des Ewigen an der Spitze der Berge, und über die Hügel erhaben, und zu ihm strömen alle Nationen. Und es gehen viele Völker und sprechen: Auf, hinan laßt uns ziehen zum Berge des Ewigen, zum Hause des Gottes Jacobs, daß er uns lehre von seinen Wegen, und wir wandeln in seinen Pfaden: denn von Zijon geht die Lehre aus, und des Ewigen Wort von Jeruschalajim. Dann wird er richten zwischen den Stationen, schiedsrichten vielen Völkern, daß sie schmieden ihre Schwerter zu Sensen, und ihre Speere zu Winzermessern: nicht hebt Volk gen Volk das Schwert, und nicht lernen sie fürder Krieg." **) Secharjah, 14, 9: „Und der Ewige wird König sein über die ganze Erde; an selbigem Tage wird der Ewige einig, und sein Name einig sein." 39*

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