Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 91 (31.7.1838)
- Date
- 1838-07-31
- Page
- Seite 370 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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370 Literatur. Zwei Antrittsprrdigtcn. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen, die daS Iudenthum beherrschen, ist es allerdings non Wichtigkeit, bei dem Antritt eines jüdischen Geistlichen zu erfahren, welcher Richtung er folgen, welchem Bestreben er sich hingeben wird, welches Ziel er sich vorgesetzt bat. So wie der Drang der Zeitverhättniffe durchaus nicht ein stilles, unmerkliches Wirken gestattet, sondern mit Aufwendung aller Kräfte ein festes und eingreifendes-Walten heischet, wozu nun die Unbestimmtheit der Funktionen, die dem jüdischen Geistlichen obliegen, kommt, und nach der er den Kreis seiner Pflichten sich oft selbst verzeichnen muß — haben wir den ersten Auftritt dev jüdischen Geistlichen wol zu berücksichtigen. Hier kommt freilich der Unterschied herein, ob dieser Geistliche schon ein Amt bekleidet har, oder in diese Sphäre jetzt zum ersten Male eintritt; oder ob er kürzern oder längern Zeitraum in der Candidatur verbrachte, und welchen Wirkungskreis er da hatte. Denn bei keinem Amte kommt auf Erfahrung so viel an, als bei dem des Geistlichen. Junge, geistreiche und gemüthoolle Männer fühlen eine ganze Welt in sich, und bei ihrem heißen Eifer wähnen sie diese auch vor sich. Je mehr aber der Mann zu wirken gelernt bar, desto bestimmter weiß er, waö er leisten könne und zu leisten habe. Daher sind die Entwürfe deö Ersteren weit ausgreifend, und die höchsten geistigen Intcreyen anschlagend, der Letztere weiß in engerm Kreise das Mögliche mir dem WünschenSwerthen in Einklang zu bringen. Gegensätzlich wollen wir indeß auch nicht vergessen, daß der Jüngere meist einen größer» Schwung, eine erhebendere Kraft heranbringen wird, welche leichter seine Zuhörer begeistern und zu schönen Hoffnungen berechtigen können. In diesem Sinne bringen wir folgende Predigten hier heran: 1t Rede, gehalten bei dem Antritte seines Amtes als Rabbine des GerichrsbczirkS Landau in der Synagoge zu Landau, von EliaS Grüne bäum. CarlSruhe und Baden, bei D. R. Marx. 1838. S. 30. 8. 2) Zwei Predigten, den zweiten Tag Peffach und den zweiten Tag Schabuoth dieses Jahres gehalten in der hiesigen Synagoge von vr. Levi Herzfeld, Assistenten des LandrabbinerS. Auf Ansuchen und Kosten der Gemeinde dem Druck übergeben. Braunschwcig. 1838. S. 40. -8. Die crftcrc des Herrn Rab. Grünebaum ist im festem Bewußtsein dessen, waS jetzt unsren Gemeinden noch thut,> klar und sorgfältig gehalten. Die Ausgabe, die sich der Redner gestellt hatte, war: „Auf welchem Wege können wir in unfern Tagen' die gesunkene Religion am leichtesten und sichersten wieder erheben?" — welche Frage in zwei Theilen beantwortet wird, nämlich: 1) welches der Weg sei zur Erhebung der gesunkenen Religion? Hierzu ist nothwendig a) die Kenntniß der Religion, b) das Gefühl für das Göttliche, für die Wahrheiten der Religion; — 2) was uns obliege, um den Weg zur Erhebung der gesunkenen Religion zu betreten und zu seinem Ziele zu gelangen? — Wir können und müssen die Kenntniß der Rel. auSbreiten und daS Gefühl für ihre Wahrheiten beleben a) in der Schule, b) im Haufe, c) in der Synagoge. Daher dringt der Redner auf Errichtung guter Religion ssch ule n, auf die Predigt im GotreShause, auf Hebung der Andacht in den Synagogen und Veredlung des Gottesdienstes. Hiermit hat sich denn auch der Redner die Richtung seiner Bestrebungen vorgczeichnet, die Objekte seiner Thärigkeu bestimmt, und wir können nur den Wunsch hinzufügen, daß seine Gemeinden eS nicht an Willfährigkeit, ihm entgegenzukommen, fehlen layen. Die Sprache ist kräftig und überzeugend, dabei ruhig und sicher. Die zwei Predigten des Herrn vr. H. sind zwar keine A'ntrittSpredigten, jedoch die ersten, die von ihm veröffentlicht worden, und als solche sehr wol hierherzuzichen. ES ist in dieser Zeitung bereits über die Veranlagung der Herausgabe dieser Pr. berichtet worden, um so mehr haben sie bei der Beurtheilung den Hinweis auf die Theilnahnie, die sie geweckt, für sich. Wir gestehen nun gern und freudig ein, daß diese zwei Predigten durchaus nicht unter die gehegten Erwartungen ausgefallen, daß sie eine wahrhafte Begeisterung für unfern Glauben bekunden, daß wir bei immer fortschreitender praktischer Ausbildung des geehrten Verf. viele Hoffnungen an fein Talent knüpfen; um so mehr aber wird uns dieser Freund für einige offenherzige Bemerkungen nur Dank wiffen. Herr vr. H. bringt mehre Male Vergleiche heran, durch die er den vorgetragenen Gedanken seinen Zuhörern verdeutlichen will, in deren Wahl er aber fehlgegriffen. Die erste Predigt ist eigentlich eine sehr geistreiche homiletische Exegese der Geschichte Pharao'S •), die viele glückliche Aperou'S enthält, und an die er einige Betrachtungen über den jetzigen Stand des JudenthumS knüpft. Er setzt den Kern desselben den Glauben a n E i n e n Gott und Vater aller M e n s ch e n b r ü d e r fest, und kann diesen daher nur als nie untergehend anseben. — Wenn er aber „unsere ehrwürdigen Gebräuche, unsere Ceremonien, die seit Jahrtausenden vererbt sind" — mit einer „Uniform, an der die Diener Eines Fürsten und Herrn sich wiedcrkennen sollten rc." vergleicht, und daraus weiter schließt, so hat er, unsrer Ansicht nach, damit sehr fehlgegriffen. Denn waren sie eine bloße Uniform, die nur ein Erkennungszeichen abgeben, und die er selbst „altväterisch" nennt, so wäre wirklich nichts daran gelegen, wenn die Uniform geändert, ja "abgeworfen würde. Der Mensch und nicht daS Kleid! Anders aber wäre eS, wenn er jenen Kern unsres Glaubens als Seele, Gesetz und Ceremonie als Leib der Religion ansehe, oder — weg mit allen Vergleichen — wenn er überhaupt Gesetz und Ceremonie als die Manifestation, als daö in die sichtliche Erscheinung Treten der Religion betrachtet hätte — (wo denn nicht zu übersehen, daß auch der Leib immerfort in organischer Wandelung begriffen ist, daß er nach je fünf Jahren ein ganz andrer ist —) so wäre Herr vr. H. seinen eigenen Ansichten näher gekommen, da er sich doch als religiöser Whig (weder als Radikaler, noch als Toryst) bekannt. In der zweiten Predigt spricht Herr vr. H. über die „Bibel". 1) ES giebt kein LebenSverhälrniß, worauf fcfc Bibel nicht ein gewichtvolles Wort gesagt hätte. 2) Leistet denn die Bibel für unS Juden wirklich, wozu sie gegeben ist? Jetzt nicht. Weil die Juden die Bibel jetzt zu wenig kennen. Warum? weil sie in früherer Zeit gar wenig gelehrt wurde, und nur die unrichtigeren Dinge darin. So kräftige, eindringliche und lautere Wahrheiten, denen wir die innigste Beherzigung wünschen, der Verf. hier auch sagt-, so ist die Vergleichung des Gesetzes mit den „Warnungstafeln auf Spatziergängen" auch wieder verfehlt. Denn er muß unter „Gesetz" doch wol auch alle die Vorschriften der Sittlichkeit, nicht blos die Ceremonialien, die die heil. Schrift giebt, verstehen, und durch deren Erfüllung ein höheres Bewußtsein ynd eine erhabenere Stellung erreicht wird, als bei dem Spatziergänger durch Beobachtung der Vorschriften, den Rasen nicht zu betreten, Blumen nicht zu pflücken :c., die nur ein geringfügiges negatives Element haben. Ist die Lehre, die Erkenntniß allerdings den Schönheiten einer Gegend zu vergleichen/ so ist das Gesetz, insonders das Siltcngefetz, nicht die Warnungstafel, sondern der Führer selbst^der unö zurechte führt und den ebenen Weg, daß wir auch die Schönheiten schauen und genießen können. — Das Streben, den Zuhörern verständlich und anschaulich zu werden, ist höchlichst zu billigen, muß unS aber nicht ohne gryße Vorsicht verfolgt werden. *) Schreiber Dieses hat vor zwei Jahren eine ähnliche Homklie, (die ungedruckr geblieben), gehalten, und freute sich, sehr viele gleiche Punkte in der dev H. vr. H. zu finden. Redakteur vr. L. Philipps»«. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von I. B Hirfchfeld