Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 91 (31.7.1838)
- Date
- 1838-07-31
- Page
- Seite 369 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3224856-3224948--01188-3302615- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
369 rührige Beförderer gefunden. Daher selbst, waS jetzt nicht mehr zu erwarten steht, wenn aus dem Unternehmen Nichts würde, sind es allein die Führer der Gemeinden, auf die der Vorwurf fallen wird, durchaus nicht die jüdische Masse. Es gicbt sich aber wol aus keiner Angelegenheit mehr zu erkennen, als aus. der vorliegenden, daß es eben so viele Obscuranten unter den Neueren wie unter den Alten giebt, daß der Selbstsüchtigen, Herrschlüstigen eben so viele unter den Neologen, wie unter den Orthodoxen wandeln. Wenn man nun nach unseren Hoffnungen fragt, wie sie sich gegenwärtig aus dem Stande der Sache Herausstellen: so können wir sie nicht anders als recht genügend bezeichnen. Wir sprechen ganz offen, was sollte uns auch verhindern, unfern Lesern das Nöthige klar vorzulegen? Unter dem Schutze des Höchsten, der sich an Israel zu aller Zeit ganz besonders offenbart hat, wird es wachsen und wachsen, und wachsend immer schneller gehen, Theilnahme an Theilnahme sich entzünden, wo der Sinn für das Gemeinwohl fehlt, die Ehre wirken, diejenigen aber, die ihrem ausschließlichen Treiben treu bleiben, mögen immerhin nicht gedacht werden in den Reihen derer, die für israelitisches Heil noch ein Opfer zu bringen im Stande sind! Was alle Befürchtungen Einzelner entwaffn'en muß, ist: daß die jüdisch-theologische Facultat durchaus keine staatliche Gewalt haben, daß sie stets nur ein Verein jüdischer Gelehrten und Lehrer sein wird, der nur durch freie geistige Autorität wirken kann, nie aber durch eine materielle Gewalt, der einen geistigen Centcalpunkt für die israelitischen Bestrebungen abgeben wird. Diese Wahrheit stempelt jede Ansicht gegen die Facultat als nur einseitig und persönlich/ sie zeigt durch und durch, daß, wer ihr entgegenstrebt, das allseitige Wohl unsres Glaubens durchaus nicht .im Auge hat, sondern allein das seiner persönlichen Ansicht, seiner persönlichen Stellung. Es ist Zeit, jede Sache bei ihrem wahren Namen zu nennen. Nicht als ob wir hiermit die widerstrebende Ansicht als heuchlerisch bezeichnen wollen, Gott bewahre uns!, denn die persönliche Ansicht kann durch und durch Wahrheit in dem Individuum sein — aber sie mache wenigstens nicht Anspruch auf Allgemeinheit, auf Berücksichtigung des allgemeinen israelitischen Bedürfnisses, dann wäre sie heuchlerisch, und somit hat uns selbst jener oben erwähnte Rabine wenigstens die Billigung der Offenherzigkeit und Aufrichtigkeit abgewonnen. Der Beweis liegt denn auch klar in der Thatsache, denn, so leicht es hätte geschehen können, wenn überhaupt irgend eine Coalition unter den zerstreuten Juden denklkch wäre, hat sich doch keine extreme Richtung unserer Angelegenheit bemächtigt, sondern, was bis jetzt geschehen ist, ist aus dem Volke, aus der ganzen Masse hervorgegangen, aus der Masse, die, dem Herrn sei Dank! zeitgemäße Bildung eben so will, wünscht und berücksichtigt, als treu an ihrer Religion und deren Erhebung hangt. Wenn ich also hier im Namen der Allgemeinheit den innigsten Dank gegen alle die ausspreche, welche die Sache bis jetzt kräftig befördert haben, wenn ich zugleich alle die, so bis jetzt gefeiert, noch einmal zur Thätigkeit, zum kräftigen Wirken aufrufe — so'glaube ich, einer persönlichen Beschuldigung nicht mehr ausgesetzt zu sein. Wol fühle ich in diesem Augenblicke, daß ich und alle Ihr, die diese Zeilen lesen, daß wir nicht blos vor der flüchtigen Gegenwart, daß wir auch vor dem Richterstuhle einer langen Zukunft stehen, vor der alle Nebel, alle Träume des Augenblicks weichen, vor der die Wahrheit, wie sie sich stets aus der Zeit entwickelt, offen treten wird. Das Mittel ist uns geboten, durch welches wir dem geistigen Judenthume zeitlich aushelfen können, durch welches wir ihm eine bestimmte, sichre Stütze zu schaffen vermögen. Sollte die Hand eines gleichgiltigen, kräftige Thaten verschmähenden Geschlechts es zurückstoßen — so würde diese Hand einst noch der Anklage sich nicht entziehen können. Der Versuch, eine jüdisch-theologische Fakultät mitten aus dem Schooße des Volkes erstehen zu lassen, gehört bereits der Geschichte an, das kann, das wird Niemand leugnen. Diese wird darüber urtheilen, so er scheitern oder zur glücklichen Ausführung käme. Selbst unter dem höhnischesten Lächeln gehässiger Feinde fühle ich, daß ich in lauterster Absicht, vor dem Auge der göttlichen Vorsehung zu meinen Glaubensgenossen gesprochen. Sie hat dem Menschen das köstlichste Gut, die Freiheit des Willens, gegeben: und so sehr ich weiß und in kindlicher Dehmuth davon durchdrungen bin, daß ohne ihren Helgen Willen Nichts wird, und Nichts nicht wird: so ist es doch an uns zu handeln, und wir sind die Werkzeuge, durch die sie diesen Willen vollziehen wird. Seinen Segen lasset uns erbitten zu dem, was wir thun wollen, und die Zukunft heranbringt!