Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1870)
- Date
- 1870-09-20
- Page
- Seite 755 (sequence 19)
- Language
- German
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755 gleich geartet and gleich berechtigt erkennen lernt, kommt mit der Selbständigkeit auch die Kraft der Gegnerschaft. Dazu hatte Aloys keine Zeit; denn einerseits gewann der geist- und seelenvolle Jüngling sich wirklich die Achtung und Liebe der polnischen Lehrer und damit auch seiner polnischen Mitschüler, andererseits mußte er auf den Ruf seines Oheims, als er eben in die Prima eingetreten, Posen verlaßen und nach Warschau zurückkehren. Sein Oheim hatte niemals den Willen gehabt, den Neffen studiren zu laßen, sondern er wollte in ihm eine Stütze und einen Nachfolger in seinem Geschäfte erlangen. Nicht wenig bestimmte ihn hierzu die Befürchtung, Aloys möchte mit den Studien in der strengen Uebung der jüdischen Satzung lax werden. Es wurde, offen gesagt, Aloys nicht sehr schwer, den Wünschen seines Oheims zu genügen, denen sich zu entziehen er für ein Vergehen gegen seinen einzigen Verwandten und Wohlthäter gehalten hätte. Bei allen Fortschritten, die er auf dem Gymnasium gemacht, sagte dennoch dem freien Wesen, dem er früher überlaßen war, der Pedantismus der Schule wenig zu. Er warf sich also ins Geschäft, und wurde in der That dem Oheim ein unentbehrlicher Gehulfe. So vergingen ihm mehrere Jahre; aber neben seiner treuen Pflichterfüllung im Geschäft gab es für ihn noch vieles Andere zu betreiben. In den Polen war feit ihrer letzten Revolution eine große Veränderung vor sich gegangen, die von 1848 her zu datiren. Bis dahin trugen alle Versuche und Bewegungen der Polen einen aristokratischen Charakter und scheiterten hieran. Jetzt gestaltete sich, namentlich in den größeren Städten, der Drang nach Wiedererhebung Polens demokratisch, d. h. er wurde in der Maße lebendig und hatte demokratische Grundsätze zu Zielen. Es trat deshalb sogar eine Spaltung ein, indem sich die hohe Aristokratie unter der polnischen Emigration von den jetzt vorwaltenden Bestrebungen fernhielt. Als besonderes Kennzeichen dieser Wandelung konnte es gelten, daß man polnifcherseits auch die Juden in die Bewegung hineinzuziehen suchte, und daß diesem die Juden, besonvers der jüngere Theil, eifrig sich zuneigte. Schon auf dem Gymnasium in Posen war Aloys in diese ge- Heimen Bestrebungen eingeweiht worden, wurde bei seiner Uebersiedelung nach Warschau von seinen Kameraden dahin empfohlen, und so befand er sich bald als Genosse in den eifrigsten polnischen Kreisen. Es ist nicht meine Absicht, die bekannten Vorgänge in Warschau hier zu erzählen. Man erinnert sich, wie weitverzweigte geheime Organisationen geschaffen wurden, und mit welchem Glücke sie allen Anstrengungen der russischen Regierung zuwider verborgen blieben, obschon ihre Wirkungen in den offenkundigsten Aeußerungen zu Tage traten. Aloys war tief darin verwickelt und theilte das Schicksal seiner Mitverschworenen. Er war einer der thätigsten Förderer bei der damals so oft betonten Verbrüderung der polnischen und jüdischen Massen, an welcher selbst die geistlichen Führer der jüdischen Gemeinden zu Warschau sich betheiligten. Im Augenblicke, wo die russische Macht wieder das entschiedene Uebergewicht erlangte, und die polnischen Kämpfer von der russischen Macht erdrückt wurden, wußte der Onkel unfern Aloys durch galizische Glaubensgenossen hart an der österreichischen Grenze aus den Flüchtlingen herauszuholen und zu retten. Welche Summen dies dem alten Manne gekostet, erfuhr Aloys freilich erst später. Ätoys kam nach Paris, und es wurde ihm leicht, durch seine polnischen Verbindungen eine auskömnliche Stelle in einem angesehenen Geschäftshause zu erlangen. Das Leben in Paris sagte ihm außerordentlich zu. Zum ersten Male in seinem Leben erfuhr er, daß man auch zu leben vermöge ohne schwer tiefe innere Last, ohne Centnergewicht auf der jugendlichen Seele, aus drückenden Verhältnissen heraus. Tief getrübt wurde es ihm allerdings bald durch die Trauerbotschaft vom Tode seines Oheims. In den Drangsalen, welche jenen Aufstandsversuchen gefolgt, war ihm ein großer Theil seines Vermögens verloren gegangen, den Rest nahmen ihm die russischen Confiscationen, und darüber grämte sich der hvchbetagte, schwächliche Mann zu Tode. Aloys hatte seinen einzigen Verwandten und zugleich das ganze Vermögen verloren. Den Verlust des Ersteren betrauerte er tief, die Täuschung über den zu erwartenden Reichthum schlug er schnell in den Wind. Ein Jahr nach dem anderen verging, und Aloys verbrachte eine freundliche Zeit, ich könnte sagen eine glückliche in der französischen Hauptstadt. Er gab sich dem beweglichen Strudel des Pariser Lebens hin, ohne darin zu versinken. Er hatte sich einer streng sittlichen jüdischen Familie, die aus Deutschland stammte, angeschlossen, in der er Wohnung, Kost und ein Gefühl der Angehörigkeit gefunden, und dies hielt ihn von allen Ausschreitungen fern. Es ist dies selbst in Paris nicht so schwer zu finden und nicht so selten, wie man es im Auslande sich denkt. Auf diesem sittlichen Grunde erfreute unseren jungen Mann das leichte und gefällige Leben erst recht, und er gewann eine ganz besondere Vorliebe für die französische Nation. Seine Verbindungen mit der Elite der polnischen Emigration batte er auch nicht aufgegeben, was seinem geselligen Leben noch einen besonderen Inhalt gab. Sechs Jahre waren verflossen, seitdem er dem blutgetränkten Boden Polens hatte entfliehen müssen. Er war zum Manne hinangereift und so befriedigt von seinen Verhältnissen, daß er an eine Veränderung nicht dachte. Da warf die verblendete Staatskunst des französischen Cäsars die Kriegsfackel in die friedliche europäische Welt. Er wollte Deutschland zu seinen Füßen sehen, es mit seinen Bundesgenossen als Beute theilen. Der Kampf wurde angenommen, aber die Bundesgenossen blieben aus. Die französischen Heere rückten an die Grenzen, aber auch die Heere Deutschlands. Die Geschäfte stockten; sie waren plötzlich wie abgeschnitten; die festesten Häuser wankten, und entließen ihre Gehülfen und Arbeiter.