Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1870)
- Date
- 1870-09-20
- Page
- Seite 754 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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754 Ein Conflict. Was ich zu erzählen habe, ist eine einfache Thatsache, und soll einfach erzählt werden. Nur die Verwickelung der Verhältnisse, wie unsere Zeit sie hervorgebracht, konnte in die Seele des jungen Mannes, von welchem ich spreche, einen solchen Constict der Gefühle werfen, wie ich ihn zu beschreiben habe, und das ist eben das Merkwürdige an meiner kleinen Schilderung. Denn das Einzelne wächst doch nur aus dem Ganzen heraus, und so erkennt man die Züge des letzteren, wiedergegeben in jenem. In einem großen Hause in der Rue Laffitte zu Paris, aber wohlgemerkt in einem kleinen Mansardenzimmer des großen Hauses, viele Treppen stieg man zu ihm hinauf, schritt ein junger Mann mit übereinanvergeschlagenen Armen lange schon hin und her, blieb wohl dann und wann einige Augenblicke vor dem kleinen Fenster stehen und stierte in den dunkelgrauen Himmel aus die regelmäßig sallenden Regentropfen, auf zwei fast unbeweglich auf der Dachtraufe sitzende Spatzen hin, ohne vielleicht etwas von diesen nicht sehr erfreulichen Gegenständen zu bemerken, bis er sich plötzlich wieder abwandte und seinen Gang durch das Zimmer abermals begann. Man sah, daß ihm streitende Gedanken und Gefühle durch Kopf und Herz rollten und zu keinem Entscheid gelangen konnten — sehr peinliche Stunden für einen, noch dazu gewisienhaften Menschen. Ich will den jungen Mann, den ich Aloys nennen will, nicht näher beschreiben. Er mochte sechsundzwanzig Jahre zählen, oder ein wenig darüber, war von hoher und kräftiger Statur, trug jedoch den Kopf ein wenig nach vorne gebeugt. Ein brauner Vollbart umrahmte das Gesicht, das von bereits durchrungenen Kämpfen zeugte, aber Kämpfen nicht mit wüsten Leidenschaften, sondern mit dem schweren Ernst des Lebens. In seinen Augen blitzten jene eigenthümlichen Lichter, welche lebhaft, aber nicht glühend, warmes Mitgefühl für Leid und Beschwerde Anderer aussprechen, aber zugleich ein solches für sein Leid und seine Beschwerde ansprechen. Die Kleidung des jungen Mannes und die Ausstattung seines Zimmers verriethen einfache, wenn nicht kärgliche Verhältniffe, aber einen guten Geschmack, Reinlichkeit und Ordnung. Wie es Menschen zu gehen pflegt, die viel mit sich allein sind, daß sie, besonders in bewegten Augenblicken, mit sich selbst sprechen und sich durch Worte Luft schaffen, die kein Ohr vernimmt, auch das ihrige nicht, denn dazu sind sie innerlich zu viel beschäftigt — so erging es auch dem jungen Manne, als er in seinem Mansardenzimmer unaufhörlich hin und her schritt. Er gesticulirte mit den Händen und sprach bald leiser, bald heftiger vor sich hin. „Was soll ich thun? Kann ich denn zu gar keinem Entschlüsse kommen? Etwas muß doch geschehen. Hier kann ich nicht bleiben, und könnte ich es, der Müßiggang ist mir unerträglich. Doch auf welche Seite soll ich mich stellen? Welche Partie soll ich ergreifen? Jede von beiden zieht mich an, und gegen keine derselben möchte ich das Schwert führen! Was ich erwäge, verwirrt mich nur noch mehr. Mit den Gründen meiner Vernunft streiten die Gefühle meines Herzens, und diese selbst widersprechen einander mit nicht geringerer Heftigkeit... wer bringt mich aus diesem Labyrinth auf den rechten Pfad!../' Der junge Mann schlug sich mit der Hand vor die Stirn; doch auch diese Bewegung schien keinen Entschluß, keinen erhellenden Gedanken heraus und zur Klarheit des Tages zu bringen. Doch wir wollen unseren Aloys nicht weiter in seinen Selbstgesprächen belauschen, vielmehr berichten, was ihn in diese Verlegenheit, in diese Verwirrung seiner selbst versetzt hat. Aloys war der Sohn eines jüdischen Lehrers in einer Stadt der Provinz Posen, in der er seine Kindheit bis zum neunten Jahre verlebte. Da verlor er seine Eltern an demselben Tage durch die Cholera, welche in der ganzen Landschaft zahllose Opfer hinraffte. Man sandte ihn einem Oheim zu, der in Warschau ein ansehnlicher Kaufmann und — bei den Juden immerhin eine Seltenheit — unverheirathet war. Der Onkel nahm den Knaben liebevoll auf und hielt ihn einige Jahre bei sich. Sei es aber, daß der ältliche Mann das Erziehen wenig verstand, sei es, daß ihn feine Geschäfte zu sehr in Anspruch nahmen, Aloys war nahe daran, gänzlich zu verwildern. Er trieb sich die meiste Zeit unter den polnischen Straßenjungen umher, lernte zwar bei seinen guten Anlagen von seinen altfränkischen Lehrmeistern, was diese ihm zu bieten hatten, drohte aber, gänzlich zu polonisiren, und zwar nicht von der besten Seite. Dem Oheim schlug endlich das Gewissen, und so ungern er sich von dem Knaben, den er überaus liebte, trennte, sah er doch ein, daß er bei ihm völlig mißrathen würde. Er brachte ihn daher nach Posen, um das dortige polnische Gymnasium zu besuchen, und reiste beruhigt nach Warschau zurück, da er ihn in einer gebildeten jüdischen Familie untergebracht hatte. Hier konnte es nicht ausbleiben, daß auf Aloys eine Wirkung nach zweien Seiten hin geübt ward. Deutsches Wesen und deutsche Bildung, anknüpfend an die Erinnerungen seiner Kindheit, zogen in ihm ein und wurden der Grundzug seines geistigen Lebens. Aber die ausgesprochenen Sympathien seines Herzens wurden für Polen genährt und großgezogen. Vielleicht gerade weil er als Jude von den Polen zurückgesetzt und verachtet wurde, strebte er, in ihrer Mitte sich Geltung zu schaffen und als Ihresgleichen angesehen zu werden. Die erste Jugend ist nicht darauf angelegt, gleich in Haß und Rache aufzuschlagen; sie wirbt lange geduldig um das, was sie für groß und heilig an sieht, wenn es sich auch ablehnend und zurückstoßend gegen sie benimmt. Erst später, wenn dem an Geist erwachsenen Jüngling die Schwächen seines bisherigen Ideals klar werden, wenn er sich als