Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1870)
- Date
- 1870-09-20
- Page
- Seite 756 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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756 Auch Aloys traf dieses Loos. Mit dem Augenblicke, wo die Deutschen sich einig und entschieden zeigten, dem französischen Uebermuth entgegenzutreten, wo die Franzosen die Ahnung beschlich, daß es sich dies Mal um einen riesigen, folgenschweren Kampf handle, entzündete sich ein Haß gegen die Deutschen, der, je weniger er gerechtfertigt war, desto schneller zu den ärgsten Tätlichkeiten ausartete. Jetzt wird man die Seelenstimmung unseres Aloys, in welcher wir ihn immer und immer durch sein Mansardenzimmer schreiten sahen, begreifen. Er befand sich plötzlich vor einer Frage, die ihn bis jetzt wenig genirt hatte, vor der Frage, welcher Nationalität gehörst du an? Bist du Deutscher, wo du geboren und einen Theil deiner Ausbildung erlangst hast? Bist du Pole, da du als solcher gestrebt, gestritten und geblutet hast? Oder bist du Franzose, nachdem du mehr als sechs Jahre hier gelebt und eine neue Heimath, eine freundliche und gastliche Zuflucht gefunden hast? Er konnte darüber nicht mit sich einig werden. Nach Deutschland rief ihn eine ernste Pflicht; Polen gehörten die Sympathien seines Herzens; für Frankreich entzündeten ihn Neigung und Dankbarkeit. Einen Augenblick gedachte er seines Glaubens und seiner Abstammung als Jude. Vielleicht daß er sich von diesem Standpunkte aus die Frage lösen könne. Aber er kam damit zu keinem Ziele. Das Berhängniß hat dem Juden, besonders seit seiner bürgerlichen Befreiung, den Glauben und Abstammung bewahrt, aber die Nationalität als Juden völlig genommen und ihn dafür als lebendiges Glied in das Volk gewiesen, bei welchem er Vaterland und Heimath gefunden. Als Jude mußte er auch Deutscher, Franzose oder Pole sein. Der Jude befreite ihn nicht von der geringsten Pflicht, die ihm als Deutscher, Franzose oder Pole oblag. Diese Frage beschäftigte ihn aber nicht blos theoretisch, sondern war ganz praktisch und mit sofortigem Bedürfniß der Entscheidung an ihn herangetreten. Deutschland rief seine waffenfähigen Söhne aus allen Fernen zu seiner Verteidigung, zur Abwehr des feindlichen Angriffs zurück. Frankreich vertrieb alle Deutsche aus seinen Gauen, und war für jeden gefährlich in Paris zu verweilen, der sich jenen nicht anschloß, nicht als Franzose naturalisiren ließ; zugleich rief es gerade die Altersclaffe Aloys zu den Waffen. Die Polen hatten allerdings in ihren Vereinen die Frage noch als eine offene betrachtet. Sie stellten sich mit aller Sympathie auf die französische Seite und waren Deutschland sehr seindlich gesinnt. Aber gewarnt durch die traurigen Erfahrungen, welche sie so oft gemacht, wollten sie nickt eher offene Partei ergreifen, als bis sich das Schicksal des Feldzuges in bestimmten Erfolgen offenbart hatte. Sie wollten das Geschick ihrer Brüder in Deutschland nicht durch eine sofortige offene Parteinahme für Frankreich in Gefahr bringen. Sie stellten daher jedem einzelnen ihrer Landesgenoffen frei, unter die Fahnen zu treten, wollten jedoch als Polen vorläufig neutral bleiben. Dies war es, was im Geiste unseres jungen Mannes einen furchtbaren Kampf heraufbeschworen und seinen sonst so klaren Blick umflort hatte. Und die Stunde der Entscheidung nahte sich mit erschreckender Eile. Du kannst nicht gegen dieses Deutschland kämpfen, rief es in ihm, denn es ist bei alledem deine Mutter; es hat dich nicht ausgestoßen, sondern du hast es freiwillig verlassen; deine Wiege stand dort, und die theuren Reste deiner Eltern haben dort ihre Ruhestätte; deutsches Wort und deutscher Gedanke leben in den innersten Tiefen deines Geistes.... Aber wie willst du deine Kraft und deine Waffen gegen dieses Frankreich richten, das dir eine zweite und dauernde Heimath bereitete, dir ein freies, sorgenloses, schönes Leben gewährte, für deine ganze Zukunft verheißt? An der Warthe und der Weichsel; kein Herz schlägt dir da, keine Freundeshand streckt sich dir entgegen; wenn du hinkämest, früge man dich: wer bist du? und wie willst du beweisen, daß du der bist? Hier empfängt man dich mit offenen Armen, alle deine Freunde und Genoffen jubeln dir zu; man erwartet, man fordert es von dir! Je mehr er alles dies in seiner Seele umherwälzte, desto dunkler wurde es ihm zu Sinne, und doch stand die Frage in Gestalt des Polizeiviertel-Commifsarius vor ihm und sprach: Bist du ein Deutscher, so hebe dich hinweg binnen sechs Stunden aus Paris, binnen zwölf aus Frankreich; bist du ein Franzose, fort nach dem Lager von Chalons! Guter Aloys, renne noch so oft dein Stübchen auf unv ab, schlage die Arme über die Brust zusammen, oder die Hand vor die gefurchte Stirn — das hilft nichts, entscheiden mußt du dich! Noch rang unser Aloys mit der Verwirrung, die vor ihm lag. mit all den Gründen, die ihn hierhin oder dorthin weisen könnten — als es an seiner Zimmerthüre klopfte und ein elegant gekleideter Mann im mittleren Alter eintrat, der durchaus nicht zu seinem näheren Umgang gehörte, sondern nur eine Kaffeehausbekanntschaft der Boulevards war. Er wunderte sich, von diesem Manne in seiner Mansardenstube ausgesucht zu sein, empfing ihn höflich, und bald saßen sie neben einander auf dem schmalen Canapö. Nachdem sie die gewöhnlichen Unterhaltungsformeln abgemacht, ging der Ankömmling auf den Zweck seines Besuches geradezu los, und leitete ihn mit einigen Fragen ein. (Schluß folgt.) Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. D. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Or. H. Lotze.