Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1870)
- Date
- 1870-09-20
- Page
- Seite 753 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. FemUeton-Leilage zu Nr. 38. Leipzig, den 20. September 1870. Gebete während des Krieges. XI. „Die Frevler ziehn das Schwert, sie spannen ihren Bogen, die Geradewandelnden zu würgen — ihr Schwert dringt in ihr eignes Herz, zerbrochen werden ihre Bogen." — „Es sinken die Völker hinab in die Grube, die selbst sie bereitet, im Netz, das sie legten, fing sich ihr Fuß: kund ward der Ewige, er hielt Gericht!" — „Hochnäsig denkt der Frevler: Er ahndet nicht; es ist kein Gott, füllt alle seine Pläne. Es glücken seine Wege lange Zeit, zu hoch und fern ihm bleiben deine Strafgerichte, all seine Widersacher bläst er hin. Er spricht in seinem Herzen: Ich wanke nimmer, ich bleibe fort und fort, und nie in Noth. Des Meineids ist sein Mund voll, des Truges, ver Bedrückung, und unter seiner Zunge Unheil und Frevel. Er spricht in seinem Herzen: Gott vergißt, verbirgt sein Antlitz, stehet nimmer. Doch du zerbrichst des Frevlers Arm, dem Bösen ahndest du die Bosheit, sie wird nicht mehr gefunden!" — So sprachen unsere heiligen Sänger vor Jahrtausenden, ihre Worte schallen durch die Zeitalter, und sie bethätigen sich vor unfern Augen. Ja, Herr, du hast Gericht gehalten über Völker und Fürsten. Zerbrochen wurden die Bogen der Uebermüthigen, und dem Bösen ward seine Bosheit geahndet. Gruben waren gegraben, Netze gestellt — aber es fielen hinein, welche die Gruben bereitet, die Netze ausgelegt hatten.... Zerbrochen wurde ein Thron, den die Gewaltthat aufgebaut, den der Trug mit Purpur bekleidet hatte; wie giftiger Dunst wurde eine mächtige Herrschaft vom Sturmhauche hinweggeblasen; Du sprachest: fahre hin! und all die erborgte Majestät, all die zusammengeschleppte Herrlichkeit war verschwunden.... Aber ist es genug? Noch mehr, Herr, offenbare dein Gericht! Er ist nicht gedemüthigt, nicht in den Staub geworfen, in den er gehört; der zwei große Völker zum blutigsten Kampfe, zu Haß und Rache gegeneinander gehetzt und sie auf blutgetränkte Schlachtfelder getrieben, der die wilden Barbaren der Wüste herübergeholt, um sie auf unsere Söhne loszulaffen wie Bluthunde — noch schwelgt er in seiner persönlichen Sicherheit, noch spielt er seine Rolle und trägt seine Maske, und läßt es sich wohl sein auf weichem Seidenpfuhl und an der fürstlichen Tafel.... Mehr noch demüthige ihn, greif in sein verstocktes Herz, laß die Qualen des Gewisiens auf ihn los, daß seine sündige Seele zu den Schrecken der Erkenntniß erwache.... Um Mitternacht laß all die Geister der Myriaden, die er zum Tode gebracht, von den heißen Fluren der Terra calente bis zu den Ufern der Saar, von den Mauern Pekings bis zu den Wällen von Metz, laß sie erstehen aus ihren Gräbern und umringen sein Haupt, sein ruhe- und schlummerloses, und rufen: gieb uns unser verlorenes Leben wieder, gekrönter Mörder! Und Alle, die er geopfert um seiner Herrschaft willen, die er niedergeschmettert in den Straßen von Paris, die er auf die Teufelsinseln gesandt, um zu verschmachten, die er in die Kerker und Bagno's geworfen, daß sie vergehen, sie Alle sollen kommen und ihn auffchrecken und mit ihren Seufzern geißeln und ihn umherjagen rastlos in den Prunkgemächern, die er bewohnt — und dann sollen alle die Truggebilde vor seinen Augen noch einmal erscheinen, und wie jene Spiegelbilder der Wüste ihn umgaukeln, jene Truggebilde von Macht und Hoheit und Lust, denen er das Glück von Millionen geopfert, um derentwillen er sein Volk vergiftet und andere Nationen bedrängt hat, die Finstern iß mit seines Heeres Bayonetten stützte, zum Dunkel sprach, es ist Licht, zum Häßlichen, es ist schön, zum Bösen, es ist gut, sie mögen noch einmal vor ihm erscheinen, und dann mit Hohnlachen zusammenbrechen und verschwinven — und vor ihm werde gewogen, was er dagegen an Gutem und Ersprießlichem in reinem Sinne gethan, und o es wird so leicht, so winzig befunden.... Ja, Gott der Gerechtigkeit, das geschehe, das bekunde sich an diesem Mann des Frevels, und wenn Menschenhände ihm den erlogenen Purpur nicht abreißen, deine Hand thue es durch ihn selbsten, daß die Menschen es erfahren und sehen, und daß das Recht siege, ganz und vollkommen, und die Bosheit auch nicht im Geheimen triumphire, und wir Menschen demüthig rufen: „das ist der Finger des Ewigen!" — Amen.