Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1870)
- Date
- 1870-09-20
- Page
- Seite 746 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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746 Frankfurt a. M., 31. August. Gestern Mittag starb im 42. Lebensjahre vr. Lazar Geiger (Vetter des Rabb. Or.G.), der Verfasser des bedeutenden Werkes „Ursprung und Entwickelung der menschlichen Sprache und Vernunft," dessen 2. Theil druckfertig sein soll. Die letzte Arbeit Geigers war das Schulprogramm der hiesigen israel. Real- und Volksschule, an welcher er 9 Jahre als Lehrer wirkte. Oestcrreichischungarische Monarchie. Lemberg, 2. Sept. (Privatmitth.) Die Sitzung des galizischen Landtags vom 30. v. M. hat wieder einmal ein zwar nicht merkwürdiges, doch aber bemerkenswerthes Blatt unserer Tagesgeschichte beschrieben. Zum großen Erstaunen hielt ein Regierungsbeamter, der seit einigen Monaten im Ministerium des Auswärtigen angestellte k. k. Hofrath Julian Klaczko, eine der abnormsten Reden, welche je auf dem an Ungeheuerlichkeiten so reichen galizischen Landtage gehalten worden. Dieser Julian Klaczko ist aber ein getaufter Jude und zwar Niemand anders als der in der neueren hebräischen Poetenliteratur nicht unbekannte Juda Klaczko, der 1826 in russisch Polen geboren, als „Wunderkind," hebräischer Dichter und Uebersetzer «eine Sammlung erschien 1842*) seiner Zeit bekannt war. Es versteht sich, daß K. der streng orrhodoxen Richtung angehörte. Nun verließ er aber sein Vaterland, hielt sich in Heidelberg auf, gewann die Protection des Prof. Gervinus, schwärmte 1849 für preußische Hegemonie und gab darüber ein Buch heraus. Der Weizen mußte ihm aber hier zu wenig blühen. Er ging in den fünfziger Jahren nach Paris und trat in die katholische Liga ein und wurde katholisch-polnischer Franzose. Eine Sinecure blieb nicht aus und zwar in Gestalt eines Bibliothekariats des gesetzgebenden Körpers. Aber ein talentirter Mensch, der zugleich die Gewandtheit hatte, als Jude und Katholik, als Russe und Pole, als Preuße und Franzose *) Im Jahrgang 1842 dies. Zeit. S. 402 findet man eine Kritik dieser D'nth, unter welchen auch eine Übersetzung einer unserer Erzählungen sich befindet. Sie waren von dem 16-jährigen Jüngling verfaßt, während polnische Gedichte von dem 13-jährigen Knaben gedruckt waren. Redact. zu „machen," war endlich auch als Oesterreicher zu brauchen und gelangte so ins österreichische auswärtige Amt. Alles dies würde uns nun nicht bewegen, über ihn in Ihrem Blatte zu schreiben, denn was geht uns ein getaufter Jude mehr oder weniger an. In den galizischen Landtag gewählt, hielt Klaczko in der ged. 8. Sitzung eine Rede, welche durch ihre Extravaganzen ein augenblickliches Aufsehen machen mußte, jedoch in einem höheren Grade, weil sie von einem ministeriellen Hofrathe ausging. In dieser Rede glorificirte er die Franzosen — wie es Apostaten immer thun — bis ins Lächerliche, glorificirte den katholischen Ultramontanismus — wie es Apostaten immer thun — bis ins Lächerliche, und forderte Oesterreich auf, zur bewaffneten Mediation, d. h. zum Kriege gegen Deutschland. Diese Auslassungen, die sich freilich in vielen Widersprüchen bewegten, denn wie die Grundsätze von 1789 mit dem Ultramontanismus zu vereinbaren seien, etwa mit dem päpstlichen Syllabus, wird wohl nur ein so gewandtes Genie wie Klaczko lösen können, machen auch uns den Mann schon interessanter. Der ehemalige Judenthümler stellt sich jetzt als fanattscher Römling, der ehemalige Russophile als fanattscher Pole, der ehemalige Deutschthümlcr als Franzosenanbeter hin, donnert gegen Deutschland und fordert den galizischen Landtag auf, in seiner Adresse an den Kaiser den Krieg gegen Deutschland zu verlangen. Wer soll sich da eigentlich bei dem Apostaten Julian Klaczko bedanken? Nun, er hat seinen Dank bereits erhalten. Denn einerseits sagte später Herr Zyblikiewicz, daß für den Ultramontanismus im Reichsrathe doch nichts zu bewirken wäre, weil daselbst der Judaismus allein herrschend sei. Herr Frankl erwiderte, daß nur zwei Juden im Reichsrathe sitzen, also von einem vorwiegenden Judaismus nicht die Rede sein könne; übrigens sei Polen nur groß gewesen, so lange es die Stätte der religiösen Gleichbcrechttgung war. Herr Zyblikiewicz erwiderte: „es säßen getaufte Juden im Reichsrathe!" Da hatte also Herr Klaczko schon sein Fett, und zwar von einem Polen selbst. Auch wurde bei allem Beifall und den Glückwünschen, die K. erzielt, doch bemertt, daß er das Polnische mit jüdischem Accent ausspreche, und dies sei namentlich an den Stellen hervorgetreten, wo er den Ultramontanismus verherrlichte und den gegeuwärttgen Krieg zwischen dem Protestantismus und Katholicismus geführt erklärte, weshalb Frankreich von den mit dem Katholi-