Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1870)
- Date
- 1870-09-20
- Page
- Seite 743 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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743 gelegen, was er zu bedeuten und zum Zweck gehabt habe? Diejenigen, welche dem in der h.'Schrift in Verbindung" mit Wundern Erzählten einen historischen Kern zuschreiben, welchen sie herauszulösen versuchen, haben die Ansicht ausgesprochen, daß Daniel mit den Feinden vorder Stadt in geheimer Verbindung gestanden habe, wozu er durch die von Belsazar erfahrene Zurücksetzung und um die Befreiung der Israeliten zu erwirken, verleitet worden. Man sieht aber leicht ein, wie Herzfeld richtig bemerkt,*) daß Daniel das Gelingen seiner verratherischen Pläne gerade durch seine aufschreckenden Worte an Belsazar vereitelt oder doch gefährdet haben würde. Herzfeld selbst läßt den Vorgang als eine zwischen der Königin-Mutter und Daniel verabredete List erscheinen, um ihren Sohn aus seinen Schwelgereien aufzuschrecken und seine Aufmerksamkeit auf die ganz von ihm vergessenen Belagerer zu lenken; sie läßt die dunklen Worte an die Wand des Speisesaales schreiben und den in das Geheimniß gezogenen Daniel die Deutung geben. Diese künstliche Erklärung hält nicht Stich, denn wozu dieser große Apparat, wo ein einfaches „die Feinde kommen!" in den Saal gerufen, einen viel größeren Effect hätte machen müssen. Denn die Erzählung Herodots zeigt, daß es sich ganz und gar um diese eine Nacht drehte, denn noch in dem Augenblick, als der Feind nahte, hätten ihn die Babylonier aufs Leichteste, wenn sie ihn bemerkt hätten, „wie in einer Fischreuse fangen können." Noch mehr; diese Erscheinung und die bestimmte Weissagung vermochte nicht den König aufzuschrecken, sondern vielmehr ihn zu entmuthigen, von dem aussichtslosen Kampfe, dessen Ausgang ihm als entschieden unglücklich vorausgesagt ward, abzuschrecken.**) Wir, denen es um die Form nicht zu thun ist, sondern um den Gedanken, der ausgesprochen werden sollte, erkennen, daß dieses Gemälde jenen echt prophetischen Gedanken plastisch vorführt: es ist das ewige, stets und überall sich erfüllende Gesetz, ein sittlich entartetes Volk ist dem Untergang geweiht, und fällt vor dem kräftigen und von sittlichen Gedanken beherrschten Bolksstamme; eine allein auf Genußsucht gerichtete, auf das Raffinement der materiellen Existenz sinnende und hierzu Reichthum und Kunstfleiß häufende Nation, möge sie noch so sehr Bildung und *) Herzfeld, Geschichte des Volkes Israel u. f. w., die größere Ausgabe und die kleinere (Leipzig 1870). **) Vgl. den Commentar zur Stelle in unserem Bibelwerke. Kunst fördern, geräth theils in Entnervung, theils in Hoch- und Uebermuth, in Selbstüberschätzung und Sorglosigkeit, und geht hierin unter. Der, von der äußersten Gefahr durch einen energischen Feind bedrohte Belsazar, der, obschon er diesen Gegner kennt, auf die Breite seiner Gräben nnd auf die Höhe und Dicke seiner Mauern sich verlassend, ohne Hut und Wachsamkeit, sich schwelgerischem Mahle überläßt, dabei noch seinem Hochmuth fröhnt, die Zeichen früherer Siege herbeiholen und sie zu Schimpf und Spott mißbrauchen läßt, ist nichts als ein plastisches Bild einer solchen Nation, und daß sich hier an die Verletzung die Strafe, an die Sittenlosigkeit der Untergang so schnell reiht, soll zugleich jedem Einzelnen sagen, daß sich jene große Wahrheit im Leben der Völker durch die Jahrhunderte, im Leben der Individuen durch den kurzen Raum weniger Stunden verwirklicht. Der König ist Vertreter der Nation, aber auch Individuum; seine 'Nation geht unter, er selbst findet den Tod. Wir haben hier also wirklich Geschichte, denn das Factum dieser Nacht ist auch von anderen Historikern verbürgt; wir haben aber auch die höchste geschichtliche Wahrheit, einen großen erhabenen Geschichtsgedanken, und das ist mehr, als uns die anderen Historiker bieten. Im Uebrigen liegt in der gedachten Erzählung noch ein anderes specielles Moment, welches in dem folgenden Artikel noch einmal zur Sprache kommen wird. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 12. Sept. Von Predigten zum allgemeinen Buß- und Bettage sind bei uns noch nachträglich eingelaufen: „Des Menschen wahrer Ruhm" von Rabbiner I)r. Julius Fürst. Zum Besten des Vereins für Verwundete. Bayreuth, 1870. — „Mit Gott für's Vaterland" von Rabbiner S. S ü s k i n d. Zum Besten der Verwundeten. Wiesbaden, 1870. — „Die Opfer des Heiles" von Landrabbiner Dr. I. Hamburger. Reinertrag zur Pflege verwundeter Krieger. Neustrelitz, 1870. — In diesen Tagen erhielten wir das erste Heft des 2. Jahrgangs der im Verlage von Julius Springer in Berlin erscheinenden „Bibliothek jüdischer Kanzelredner; eine chronologische Sammlung von Predigten, Biographien und Charakteristiken, herausgegeben