Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1870)
- Date
- 1870-09-20
- Page
- Seite 742 (sequence 6)
- Language
- German
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742 Zuversicht und Muth, „sprechen viel von der Löthung," die ihr Werk zusammenhält, und von „den Nägeln, daß es nicht wankt" (6. 7.). Bald aber sind die Siege des Cyrus vollständig, vor ihm „wandten sich als Flüchtlinge die Chaldäer allesammt und in Wehklagen ihr Jubel" (43, 14.). Cyrus steht vor Babylon (45, 1 ff.) und Gott verspricht, „zu öffnen Psorten vor ihm und Thore, daß sie unverschloffen;" er wird vor ihm „eherne Pforten sprengen, eiserne Riegel brechen" und ihm unermeßliche Schätze geben. Die Belagerung dauert fort, die Belagerten sind voll hartnäckiger Zuversicht und Hallen ihre Werke für uneinnehmbar. Die beiden Reden Kapp. 46 und 47 sind während dieser Belagerung gehalten und verkünden mit großer Kraft dem Eigendünkel, Hoch- und Uebermuthe der Babylonier gegenüber die tiefste Demüthigung, den vollständigen Sturz derselben. Kap. 48 sieht Babel bereits erobert und fordert die gefangenen Israeliten auf, die gefallene Stadt zu verlaffen, die gebotene Freiheit zu benützen und nach dem Lande ihrer Bäter zurückzuziehen.*) — Wie diese Einnahme Babylons geschah, ist uns ebenfalls bekannt. Allerdings waren die Befestigungswerke Babylons hoch und stark und die Stadt mit Lebensmitteln auf lange Zeit versorgt. Cyrus aber erdachte einen Eroberungsplan, der auf die Energie seines Heeres und auf den sorglosen Uebermuth und die sittenlose Schwelgerei der Babylonier berechnet war. Er wußte, daß diese in nächster Zeit ein Fest feiern würden, deffen üppige Gelage auch die Nacht durch dauern würden. Er ließ von unzähligen Händen den Damm des Euphrat durchstechen, diesen ablaufen, bis deffen Bett für das Heer gangbar war, drang in die wenig bewachte Stadt ein, überfiel die feiernden und trunkenen Babylonier und eroberte das für uneinnehmbar gehaltene Babel. Was in Vieser verhängnißvollen Nacht in der königlichen Burg vorgegangen, das schildert uns das berühmte Gemälde, welches das 5. Kapitel des Buches Daniel aufrollt. Der König feierte ein großes Festgelage mit seinen Gemahlinnen, Kebsweibern und den Großen des Reiches, die zu tausenden versammelt waren. Als sie vom Weine schon trunken, ließ er die goldenen und silbernen Gefäße holen, vie Nebuchadnezar aus dem Tempel zu Jerusalem weggeführt, und die Lersammelten entheiligten sie, indem sie daraus tranken und sie zu Gegenständen ihrer Scherze machten. *) S. das Nähere in unserm ausführlichen Commentar zu diesen Stellen, wie zum zweiten Jesaias über- Da wurde an der Wand eine Menschenhand sichtbar, welche Worte in unbekannter Schrift auf den Kalk zeichnete. Der König erschrak sehr und ließ die Weisen Babels kommen, von denen jedoch Niemand die Schrift zu lesen vermochte. Die Bestürzung war allgemein, als die Königin-Mutter in den Palast kam und den König an Daniel erinnerte, der die Schrift gewiß zu deuten vermöge. Der König ließ Daniel holen und verhieß ihm höchste Gaben und Ehren. Daniel wies diese zurück, hielt aber eine scharfe Ansprache an den König, in welcher er ihm sein Verfahren vorwarf, und deutete ihm die Worte: „Gezählt hat Gott dein Reich und beendet es; gewogen wardst du auf der Waage und zu leicht erfunden; getheilt ward dein Reich und verliehen dem Meder und Perser." Der König ließ Daniel mit dem Purpur bekleiden; aber in selbiger Nacht wurde Belsazar von den in Stadt und Palast eindringenden Feinden getödtet. So war Babylon 50 Jahre nach dem Falle Jerusalems von den Medo-Persern eingenommen. Aber es war kein Untergang, sondern nur ein Niedergang. Ist es doch sogar zweifelhaft, ob Cyrus die äußere Mauer der Stadt niedergeriffen. Doch war Babylonien seitdem eine persische Provinz. Unter Darius mußte Babylonien noch einmal belagert und erobert werden, da es sich von der persischen Oberherrschaft frei machen wollte. Die Stadt wurde entvölkert, der Belustempel von Xerxes geplündert, die Stadt unter Alexander noch einmal erstürmt. Mit dem Aufblühen von Seleucia am Tigris sank Babylon immer mehr, zu Strabos Zeit lag es größtentheils wüst; Abulfeda kennt nur noch Trümmer — das Wort der Propheten ist in Erfüllung gegangen: „Nicht einmal der Arabi zeltet dort und Hirten lagern nicht daselbst; dort lagern Steppenthiere, dort wohnen Strauße, Unholde tanzen dort; ihre Häuser füllen Uhus, es heulen Schakale in ihren Palästen und Wölfe in den Hallen der Lust." lJes. 13, 20 ff.). Wer hätte Solches gedacht in den Tagen seiner Größe, in der Zeit seiner Machtfülle'. Wer die obige kurze Schilderung liest, wird manche überraschende Züge gewahren, welche an die Zustände und Ereigniffe unserer Tage lebhaft, ja ergreifend erinnern. Wir wollen dies nicht ausführen, um nicht tendenziös zu erscheinen. Aber einen Punct wollen wir noch erörtern, da er zu einer allgemeinen Beobachtung veranlaßt. Man hat geftagt, was eigentlich dem Vorgänge, welchen das 5. Kap. Daniel schildert, zu Grunde