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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-09-20 · Heft 38 (20.9.1870) · p. Seite 740

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 38 (20.9.1870)
Date
1870-09-20
Page
Seite 740 (sequence 4)
Language
German
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740 Herten unserer jüngsten Zeit, daß ein Blick darauf den Beobachter, der gewohnt ist, Vergangenheit und Gegenwart der Menschheit zu vereinigen, wohl zu fesseln vermag. Jndeß ist dies für uns nur eine Einleitung in die weitere Betrachtung, welche Stellung unsere, damals in Babylonien als Gefangene oder besser gesagt Exulanten verweilenden Vorfahren hierbei wie überhaupt in Babylonien eingenommen haben. Aber auch dieses soll an dieser Stelle für uns keine blos historische Erörterung sein, sondern enthält zugleich ein ganz allgemeines, für die Gegenwart des Judenthums sehr analoges Moment, und zwar weniger ein politisches, als culturhistorisches und religiöses. Wir theilen demgemäß unseren Gegenstand in die folgenden zwei Artikel. I. Der Niedergang Babylons- Die heilige Schrift giebt uns keine ausführlichen Schilderungen der Ereignisse, Oertlichkeiten und Personen; sie zeichnet, wie man zu sagen pflegt, im Lapidarstyl, d. h. in großen Umriffen, innerhalb derer dann einzelne charakteristische Züge hineingetragen werden, die aber gerade darum um so frappanter sind und den innen verborgenen Geist treffender bekunden, als es die weitläufigste Schilderung vermocht hätte. So giebt sie uns auch keinen besonderen Bericht über die Eroberung Babylons durch Cyrus; aber sie deutet den Fortgang der medo-persischen Waffen im zweiten Theile des Buches Jesaias so frappant an, und schildert im 5. Kap. des B. Daniel die Nacht, in welcher die Eroberung vor sich ging, in einem einzelnen Momente derselben so deutlich, daß wir uns das Ganze, zwar nicht in seinen geschichtlichen Daten, aber in seinem ganzen Wesen zu componiren vermögen. Ja, das Besondere liegt darin, daß wir überhaupt aus den geschichtlichen Angaben der h. Schrift niemals eine vollständige Beschreibung der historischen Facten zusammen stellen können, daß sie aber den Geist der Ereigniffe in einer Weise erkennbar macht, wie kein anderes historisches Document. Hierin liegt auch die größte Wichtigkeit der h. Schrift für die Geschichte. Die wirkliche Geschichte der Menschheit wird erst in der Zukunft geschrieben werden, vielleicht in einer sehr späten, wenn erst ein völlig objectiver Standpunct erreicht ist, und nur dann wird die Wichtigkeit der geschichtlichen Theile der h. Schrift erst wahrhaft begriffen werden. Hieraus geht wieder der Umstand hervor, daß aus der h. Schrift sich so häufig Analogien für Vorkommnisse späterer Zeiten erfinden laffen, nicht weil sich dieselben äußeren Umstände wiederholen, sondern weil sich unter veränderten Verhältnissen das Menschliche, namentlich vom sittlichen Standpunkte, nach denselben Gesetzen abkreist. Die Stadt Babylon, die Hauptstadt des großen chaldäischen Reiches, war eine der größten und Pracht- ' vollsten Städte des Alterthums, von uralter Zeit durch eine Reihe siegreicher Herrscher vergrößert und verschönert und durch die herbeigeschleppte Beute vieler Länder geschmückt. Sie lag in einer großen Ebene zu beiden Seiten des Euphrat, der sie in zwei Hälften theilte und in der Mitte von einer großen herrlichen Brücke überwölbt war, während zu beiden Seiten ausgedehnte QuaiS hinliefen, da die Ufer des Stromes innerhalb der Stadt ausgemauert waren. Sie war ziemlich ins Viereck gebaut und hatte 12 deutsche Meilen im Umfang, weshalb sie von Jeremias, Daniel und Josephus „die große" oder „geräumige" genannt wird. Wahrscheinlich war jedoch diese ungeheure Fläche nicht überall von Häusern bedeckt, sondern außer den Gärten umschloß sie auch angebaute Felder. Die Stadt war von einer Mauer umgeben, die 200 Ellen hoch und 50 Ellen dick, von 250 Thürmen überragt und von 100 ehernen Thoren durchbrochen war. Die 3—4 Stock hohen Häuser waren von Backsteinen mittels Asphalt gebaut; 50 Straßen durchschnitten in rechten Winkeln das Häusermeer, so daß die Stadt in eine Anzahl Quadrate zerfiel. Das Viereck scheint die den Babyloniern überall zur Richtschnur dienende Form gewesen zu sein, denn die beiden ungeheuren königlichen Burgen, die alte und die neue, welche letztere Nebuchadnezar erbaute, und der Tempel des Belus bildeten ebenfalls riesige Vierecke. In der Mitte des letzteren erhob sich ein pyramidalisch aufsteigender Thurm, der aus 8 Thürmen über einander zu bestehen schien, und an welchem außen ringsum laufende Treppen hinauf führten. Im Innern enthielt er das Schlafgemach und das Speisezimmer des Gottes Bel. Neben der Burg lagen die sg. schwebenden Garten, die in Form von Terrassen aufwärts stiegen und an jeder Seite vier Morgen lang waren. Alles dies war mit einer unbeschreiblichen Pracht ausgeschmückt. Die einheimische Religion der Babylonier war die sg. zabische, d. h. Anbetung der Gestirne, der Sonne, des Mondes und derjenigen Sterne, welche man als die einflußreichsten auf die Geschicke der Erde und der Menschen betrachtete. Doch wurden diese Gestirne in bestimmten Götzenbildern angebetet, die Sonne als Bel,

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