Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1870)
- Date
- 1870-09-20
- Page
- Seite 739 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226783--28741-3302593- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
739 Ziel nicht durch die eigene Kraft, sondern durch eine Reihe für sie günstiger Begebenheiten erlangt. Frankreichs Mithülfe hat ihnen die Lombardei, Preußens Siege in Böhmen Benelien, Preußens Siege in Frankreich Rom verschafft. Aber es waren dies nur günstige Umstände, welche dem lebendigen Zuge der italienischen Nation nach staatlicher Einheit zu Hülfe kamen, und gerade Rom wäre ihr längst geworden, wenn die französischen Truppen ihr nicht entgegengestanden hätten. Hoffen wir daher, daß die italienische Nation in der nächsten Zeit so erstarken werde, daß sie sich in Zukunft selbstständig zu erhalten und auch äußeren Angriffen zu widerstehen vermöge. Hieran schließt sich nun das erhebende Gefühl, daß die göttliche Vergeltung, das göttliche Gericht sich auch hier so offenbar erwiesen hat, daß nur blöde Augen es nicht erkennen mögen. Unter dem Schutze mannigfacher Evolutionen, der in der civilisirten Welt mit einander ringenden Gegensätze, hatte die kirchliche Macht des Katholicismus wieder eine große Spannkraft gewonnen. Sie hätte sich mit ihr und deren Pflege begnügen sollen. Aber sie wähnte die Zeit gekommen, das Höchste wagen zu dürfen. Sie wollte die moderne Gesellschaft unter ihre Füße bringen, daß sie nicht allein zu früheren Zuständen zurückkehre, sondern sich ganz unter die Gewalt des Klerus gebe. Der Papst schleuderte den Syllabus in die Welt, aber diese schüttelte nur das Haupt und ließ den ihr zugeworfenen Fehdehandschuh ruhig liegen. Anstatt bedenklich, machte dies den römischen Stuhl nur kühner, er versammelte die Bischöfe der Welt, und ließ sie die persönliche Unfehlbarkeit des Papstes und seine oberherrliche und schiedsrichterliche Gewalt über alle Fürsten und Völker als unbedingten Glaubenssatz sanctioniren. Der Papst, der dies von unserer Zeit verlangte und die Bischöfe mit allen möglichen Mitteln dazu zwang, sah sich endlich für der Gottheit theilhaftig, für unfehlbar erklärt. Aber auch über diesen Hochmuth kam das Strafgericht schnell. Während er sich von dieser Erklärung der Unfehlbarkeit das Erstaunen der Welt versprach, war unterdeß der gewaltige Bölkerkampf entstanden, der die allgemeine Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch nahm, daß man auf die Verkündigung jenes Dogmas gar nicht hörte, daß sie völlig unbeachtet blieb. Zugleich gab dieser Kampf so recht einen factischen Beweis, wie ganz inhaltslos jene Proclamirung sei, daß sie der Mühe und des Geräusches nicht werth gewesen, die sie verursacht. Und endlich wurde der Papst durch den Sturz seines militärischen Beschützers als weltlicher Herrscher selbst gestürzt, und, sollte er in der Gewalt der italienischen Regierung nicht bleiben wollen, zur Auswanderung genöthigt sein, so befindet sich bereits ein englisches Kriegsschiff im Hafen von Civita Becchia. Es war eine schnelle Vergeltung, eine prompte Enttäuschung! Und endlich, sollen wir es leugnen, daß unser Herz freudig erregt ist, abermals 4500 Abkömmlinge unseres Stammes, Bekenner unserer Religion aus Knechtschaft und Erniedrigung befreit zu wiffen! Mit der Besitzergreifung Roms durch -Italien werden 4500 Juden sammt allen ihren Nachkommen von den Feffeln befreit, in die sie das Papstthum geschlagen hielt; die Stunde ihrer Erlösung hat geschlagen; sie werden gleich allen Israeliten Italiens gleichberechtigte Bürger! Was dies heißen will, wie beschränkt und gedrückt und zum Elend verdammt sie bis jetzt gewesen, wiffen unsre Leser aus mehrfachen Schilderungen. Es ist eine merkwürdige Zeit. Napoleon III. und der Papst, Jsabella und Eugenie — welcher Sturz, wie tiefer Fall, und — wie verdient! Die erste Halste -es Luches Daniel. i. Es wird Niemandem zweifelhaft sein, daß das Buch Daniel aus zwei Theilen besteht, die sich durch Inhalt, Tendenz und Form völlig von einander unterscheiden, nämlich der erste Theil Kapp. 1—6, der zweite Kapp. 7— 12. Ueber die hieraus entstehenden Fragen betreffs des Verfassers und der Abfassungszeit beider Theile werden wir im Verlaufe dieser Abhandlung das Nähere heranbringen. Vorerst ist es unsere Absicht, die erste Hälfte des Buches aus zwei Gesichtspuncten zu betrachten, von denen der eine ein augenblickliches Interesse, der andere für uns ein allgemeineres darbietet. Nachdem in den ersten Kapp, des Buches die Regierung Nebuchadnezars in sehr charatteristischen Momenten geschildert worden, wird im 5. Kap. die Eroberung Babylons durch die Medo-Perser (unter Führung des Cyrus im Jahre 538 vor d. gew. Zeitr.) und eine dieser vorangegangene merkwürdige Scene beschrieben. In diesem geschichtlichen Ereigniß finden sich so viele Aehnlichkeiten mit Begeben-