Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1870)
- Date
- 1870-09-13
- Page
- Seite 727 (sequence 11)
- Language
- German
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727 Universitätsstadt haben wird, so dürften an derselben nur jene Disciplinen gelehrt werden, welche eben zur jüdischen Theologie gehören. Wir müssen dies aus dem Grunde hervorheben, weil zum Beispiel am Breslauer jüdischen Seminare classische Philologie gelehrt wird, was unter den angegebenen Verhältnissen nicht nothwendig und, je nachdem der Standort sein wird, auch als überflüssig erscheint. Die einzelnen Disciplinen anzuführen, ist hier nicht der Ort. Wir möchten jedoch insbesondere Bibel-Exegese hervorheben, welche in letzter Zeit von christlichen Gelehrten fast mehr als von jüdischen gepflegt wird. Ueber den Standort, wo die Lehranstalt sein soll, wird seit etwa zwanzig Jahren gestritten. Es kommen da eigentlich blos zwei Städte in Betracht: Wien und Prag. Dr. G. Wolf hat in seinen „Studien zur Jubelfeier der Wiener Universität" Alles genau berichtet, was zu Gunsten der einen wie der anderen Stadt sich sagen läßt. Erwägt man unbefangen die Gründe, so wird man sich für Wien erklären müssen. Wien, das noch nicht eine Provinzialstadt an der Donau ist, bietet wissenschaftliche Quellen, wie sie in mancher Beziehung nicht oder nicht in gleich reichem Maße anderswo vorhanden sind. So sehr wir es wünschen, daß der Nationalitäten-Hader bald zu Ende sei, so ist doch vorläufig nicht anzurathen, daß angehende Rabbiner auch vom Nationalitaten-Kampfe aufgestachelt werden. Nun wissen wir wohl, daß man gegen Wien und für Prag zwei Gründe geltend macht. Man macht zunächst Wien im Allgemeinen den Borwurf der Frivolität, daß es in sittlicher Beziehung Vieles zu wünschen übrig lasse. Nun wahrlich, wir sind nicht blind für die Erscheinungen, die das Wiener Leben bietet: wenn man jedoch Wien der Unsittlichkeit anklagt, so möchten wir den frommen Leuten zurufen: Wer unter Euch ohne Sünde ist, der erhebe zuerst gegen Wien den Stein. Wir möchten in dem Momente nicht die Leidenschaften aufwühlen, wir müssen es jedoch bekennen, daß es uns am unsittlichsten erschienen ist, als wir hörten, daß in Prag Geschworne, die berufen sind, Recht und Gerechtigkeit zu wahren, aus Parteirücksichten ihrem Eide untreu wurden. Wir weisen übrigens darauf hin, daß Paris sich bekanntlich auch nicht des Rufes besonderer Sittlichkeit erfreut, und nichtsdestoweniger wurde das College rabbinique vor einigen Jahren von Metz nach Paris verlegt. Den Wiener Juden wieder macht man den Vorwurf, sie seien nickt genug religiös, da thatsächlich viele Juden in Wien keinen Abscheu vor Schweinefleisch haben. Sie besuchen an Sabbathen die Börse, betreiben ihre Geschäfte und lassen sich ihre Cigarren an Sabbathen wohl schmecken. Alles das ist jedoch auch in Prag der Fall. Man hegt übrigens das Vorurtheil, als wäre die israelitische Gemeinde in Prag noch das, was sie früher war, „eine Mutter in Israel", wo die berühmtesten jüdischen Gelehrten weilen. Das ist jedoch — wer die Verhältnisse näher kennt, weiß es — nicht mehr der Fall. Schwierig wird die Lösung der Personalsrage sein, wer lehren soll. Nicht etwa, daß es an tüchtigen Kräften fehlt, um die Lehrkanzeln zu besetzen; wohl aber wird in Folge der Parteistreitigkeiten die Frage entstehen, ob der Aspirant zur Fortschritts- oder zur Rücksckrittspartei gehört, und je nach dem wird die eine wie die andere Partei für oder gegen ihn sein. Wir setzen jedoch voraus, daß sich das Ministerium mit jüdischen Vertrauensmännern, die Sinn und Verständniß für jüdische Theologie und für die berechtigten Anforderungen der Zeit haben, umgeben werde, und dann wird hoffentlich diese Frage so gelöst werden, wie sie im Interesse der Sache gelöst werden soll. Schließlich möchten wir noch eine Bemerkung bezüglich der Proseminare machen. Es scheint uns, daß da und dort die Errichtung eines Proseminars von großem Nutzen wäre. Es gibt nämlich junge Leute, die sich mit Erfolg den rabbinischen Studien zuwenden, die jedoch, weil in den betreffenden Orten kein Gymnasium ist, oder, wie in Galizien, aus anderen Gründen sich von den anderen wissenschaftlichen Disciplinen fern halten. Für diese wäre ein Proseminar, wo eben neben den rabbinischen Lehrfächern auch andere tradirt werden, von Nutzen. Diese Aufgabe zu lösen, soll jedoch Sache der Kronländer sein. Pest, 1. Sept. (Privatmitth.) Mit den religiösen Genossenschaften ist nicht zu spaßen. Sie gleichen dem horazischcn „Unerschrockenen," den, wenn die Welt in Trümmer geht, die Ruinen noch aufrecht finden. Was auch unseren Erdtheil in dieser Zeit erschüttert und an großen Ereignissen die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zieht: die katholischen deutschen Bischöfe versammeln sich in Fulda, um über die Unfehlbarkeit des Papstes zu deliberiren, und der orthodoxe jüdische 37*