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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-09-13 · Heft 37 (13.9.1870) · p. Seite 726

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 37 (13.9.1870)
Date
1870-09-13
Page
Seite 726 (sequence 10)
Language
German
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726 Oesterreichischungarische Monarchie. Wien, 31. Aug. Die „israelitsch-theologis che Lehranstalt," wie man hier die jüdisch - theologische Facultät benennen will, ist ein so wichtiger Gegenstand, daß wir hier eine und die andere Kundgebung in den öffentlichen Blättern wiederzugeben wohl veranlaßt sind. Man sieht daraus, wie günstig der Gedanke von der Presse in Wien ausgenommen wird, was z. B. in Berlin nicht der Fall war. Ein Blatt, das wahrlich nicht sehr eingenommen ist für Theologie überhaupt, die „Neue freie Presse", bringt folgenden Artikel: Eine Frage, die seit achtzig Jahren*) auf der Tagesordnung steht, soll nun endlich gelöst werden. Wohl ist es wahr, daß der Rabbiner in der jüdischen Gemeinde nicht jene Rolle zu spielen berufen ist, welche der katholische Geistliche hat. Er hat nicht die Macht, zu lösen und zu binden, und es ist kein Moment vorhanden, wo die Anwesenheit eines Rabbiners von dringender Norhwcndigkeit wäre. Thatsächlich gibt es viele jüdische Gemeinden, die gar keinen Rabbiner haben, oder wo diese Stelle jahrelang erledigt ist. Der Rabbiner besitzt keine andere Macht als diejenige, die ihm die Gemeinde oder der Staat einräumt und die er sich in Folge seines theologischen Wissens zu erringen im Stande ist. Die größten Umwälzungen auf jüdischtheologischem Gebiete wurden von Männern herbeigesührt, welche nicht Rabbiner waren. Wir erinnern an Maimonides im Mittelalter und an Mendelssohn in neuerer Zeit. Es wäre jedoch Selbsttäuschung, anzunehmen, daß der Rabbiner, insbesondere in unserer Zeit, wo sich nur wenige Juden mit dem Studium der jüdischen Theologie beschäftigen, auf die Bildung und Gesittung seiner Gemeindemitglieder ohne Einfluß sei. Wir in Oesterreich haben in nächster Nähe die besten Beweise dafür, daß Rabbiner, die Feinde der Cultur sind, das Aufkeinlen und Emporblühen der Bildung und Wissenschaft hindern und Hintertreiben, und wie an anderen Orten wieder Schulen und Bildungs-Anstalten von den Rabbinern aufs eifrigste gefördert werden; daß bei den jetzt bestehenden verschiedenen Parteien auf religiösem Gebiete unter den Juden der Rabbiner, wenn er sach- und fachkundig ist *i „Seit achtzig Jahren" ist zu weit gegriffen — es sind noch keine 40 Jahre. _ Redact.S und Verständniß für die Zeit hat, den Streit und Hader, statt sie zum Unheile der Gemeinde noch mehr zu schärfen, zu schlichten im Stande ist, versteht sich von selbst. Bedenkt man nun, daß in Oesterreich-Ungarn, mit Ausnahme der Rabbinatsschule zu Presburg, die das Recht der Oeffentlichkeit von Anno Thun hat, und einiger anderer Privat-Talmudschulen, die selbstverständlich nicht im enfferntesten den Anforderungen, die man an eine derartige Anstalt zu stellen berechttgt ist, entsprechen, keine derartige Anstalt besteht, so wird man die Nothwendigkeit derselben leicht einsehen. Wenn die österreichische Regierung sich nun anschickt, eine israelitisch-theologische Lehranstalt ins Leben zu rufen, so betrachten wir dieses mehr als die Lösung einer Culturdenn einer confessionellen Frage. Nachdem überdies theologische Lehranstalten für Katholiken und Protestanten, ja sogar eine derartige Anstalt für die nichtunirten Griechen vor mehreren Jahren in Oesterreich ins Leben gerufen wurde, deren Zahl geringer als die der Juden ist, so war es nur eine Pflicht der Gerechtigkeit und Billigkeit, wenn man schließlich auch der Juden gedachte. Da man anzunehmen berechttgt ist, daß die officielle Bezeichnung fiir diese neue Lehranstalt nicht zufälligerweise gewählt wurde, so müssen wir sagen, daß sie uns weit angemessener als Rabbinerschule oder Seminar erscheint. Sie eine „Hochschule für jüdische Theologen" zu nennen, wie man eine derarttge in Folge eines Antrages des 0r. Geiger in Berlin zu gründen beabsichttgt, *) dürste vielleicht als zu weitgreifend betrachtet worden sein. Es entstehen nun drei wichttge Fragen: Was soll gelehrt werden? Wo soll gelehrt werden? Wer soll lehren? Wie es scheint, ist das Ministerium von der Errichtung von Proseminarien abgegangen, welche eben zur Aufnahme jener Schüler, die noch nicht die Ghmnasial-Studien vollendet haben, besttmmt gewesen wären. Da ferner als besttmmt anzunehmen ist, daß die theologische Lehranstalt ihren Standort in einer *) „Hochschule für jüdische Theologen" sollte die Anstalt in Berlin nicht heißen, sondern „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums"; auch hatte Dr. Geiger keinen Antheil an dem Unternehmen, sondern es ging von Prof. vr. Lazarus aus. Redact.

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