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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-09-13 · Heft 37 (13.9.1870) · p. Seite 721

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 37 (13.9.1870)
Date
1870-09-13
Page
Seite 721 (sequence 5)
Language
German
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721 auf allen Schulen in den civilisirten Staaten sprechen genügendes Zeugniß aus. Bald aber zeigte sich, daß diese beiden Momente nicht ohne wesentliche Wirkung auf den jüdischen Cultus blieben. Von der einen Seite that sich das Bedürfniß kund, den Lehr- und Gedankeninhalt des Judenthums von Neuem durchzuarbeilen, und eine wissenschaftliche Behandlung für das Judenthum eintreten zu lassen; letztere insonders für die Geschichte desselben nach allen ihren Richtungen. Dann aber begann ein Zwiespalt zwischen der bisherigen Gestalt des jüdischen Gesetzes in seinem ganzen Umfange, in seiner detaillirtesten Verästelung, und dem wirklichen Leben und dessen Anforderungen, endlich zwischen jenem und der sich umgestaltenden religiösen Ueberzeugung. Dies zeigte sich in der Lebensart der Individuen in wachsender Zahl; dann aber in dem Bedürfniß und dem Streben nach Verbesierung des gemeinsamen öffentlichen Gottesdienstes. Wir brauchen dies Alles hier nur anzudeuten; die Tendenz war da, steigerte sich, bekam Gestalt und Mittelpuncte. Jetzt erst erwachte die Orthodoxie und begann ihr non possumus jenen Bestrebungen entgegenzustellen. Mit der nach 1848 eingetretenen Reaction auf politisch kirchlichen Gebieten gewann sie neuen Muth, dehnte sich aus, wurde immer schroffer und bekundete ihre hierarchischen Gelüste durch Verketzerung, Verfolgung, Beherrschung der Gemeinden. Hier nun dieselbe Erscheinung: in der Mehrheit der Masse, westlich von der Weichsel gerechnet, die vorwiegende Tendenz der Reform, auf Grund der vorangeschrittenen Culturbeftrebungen und der fast vollständig erreichten Gleichstellung — und dennoch eine völlige Lauheit, eine Connivenz für die entgegengesetzte Seite, und hierdurch theils ein Verschleppen, theils ein buntes Durcheinander von vorwärts und rückwärts, besonders von vermittelnden Gesichtspuncten, ein Mangel jeder Bereinigung. — Kann es bei solcher Lage der Dinge, bei solchen Zuständen und Verhältniffen uns eigentlich überraschen, daß auch auf dem Gebiete der Humanität, d. i. der großen allgemeinen Sittlichkeit, uns die jüngste Zeit so mannigfache Enttäuschung gebracht hat? Gegenüber den tief sittlichen Tendenzen und unermeßlichen Anstrengungen für Recht und Freiheit, den zahllosen internationalen Vereinen, der Genfer Convention, den Friedensliguen, vor Allem dem Geiste unserer Zeit die tiefe Entsittlichung der Regierung einer großen zu den cultivirten Völkern gehörenden Nation, ein Lügensystem, das wie ein Netz aus Eisendraht sich über ein ganzes Volk breitet, künstlich geweckter Nationalhaß, Krieg nach Krieg, darunter der blutigste seit vielen Jahrhunderten . . . Aber trotz Alledem und Alledem ist unser Jahrhundert ein glorreiches. Wir haben es als einen riesenhaften Gährungsproceß anzusehen, in welchem alle Elemente der Vergangenheit mit allen Elementen der Neuzeit einen großen Umgestaltungsproceß durchmachen, um endlich zu einem einheitlichen Wesen gelangen zu können. Jener Hochmuth des vorigen Jahrhunderts, der mit der Kraft der Worte und einer kräftigen Handbewegung alle überkommenen Erzeugniffe der menschlichen Vergangenheit hinwegzuräumcn gedachte, hat sich an den Söhnen und Enkeln gerächt; es galt und gilt für diese einen regelmäßigen Kampf zu beginnen, fortzuführen und zu einem logischen Ende zu bringen. Es muß aus dem Bestehenden und Gegebenen heraus entwickelt und zu einer neuen Gestalt entfaltet werden. Die Menschheit darf nichts verlieren, was ihr uraltes und dauerndes Eigenthum ist; was sich aus langen Zeiten herausgebildet , muß sich zwar der Umwandelung unterwerfen, darf aber nicht geradezu zerstört werden. Ein solcher Gährungsproceß ist aber kein Proceß der Fäulniß, der Zersetzung, der Austösung. Und so weit ist doch dieser Gährungsproceß schon gediehen, daß wir auf unleugbare und unwandelbare Resultate bereits hinzuweisen vermögen. Die Gleichheit der Menschen in der staatlichen Gesellschaft, wie sie sich in der bürgerlichen Gleichstellung ohne Berücksichtigung der Confession, in der Aufhebung der Leibeigenscbast, zuletzt in Rußland, in der Aufhebung der Sklaverei und der Gleichstellung der Farbigen mit den Weißen fest normirt hat, ist ein solches Resultat, das keines der früheren Jahrhunderte aufzuweisen hat. In der That werden unsre Urenkel unser Jahrhundert ein sonderbares, ein eigenthümlickes Gemisch, ein Convolut von Widersprüchen und Gegensätzen nennen — aber sie werden es leicht haben, es so zu nennen, denn sie werden über diese Kämpfe hinaus sein und einen viel weniger schwankenden Boden unter ihren Füßen haben — jedoch nur durch die Kämpfe, in deren Dienst das gegenwärtige Geschlecht, wie es in der Schrift heißt, sich den Scheitel kahl gerieben.

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