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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-09-13 · Heft 37 (13.9.1870) · p. Seite 720

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 37 (13.9.1870)
Date
1870-09-13
Page
Seite 720 (sequence 4)
Language
German
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720 und Kritik mit ihr eingestellt hatten, und versetzte sich auf den absolut orthodoxen Standpunkt, der selbst den Teufelsglauben und die Bewegung der Sonne offen bekennt. Jndeß mußte sie sich auf ihre eigenen Mauern beschranken, da sie keine Hierarchie besitzt, und konnte nur noch den Kampf auf dem Boden der Schule führen, die sie sich völlig unterwerfen wollte. Anders in der katholischen Kirche. Diese mit ihrer großen und strengen hierarchischen Organisation, mit ihrem weitläufigen Ceremoniell und ihren tief in das Seelenleben des Individuums und in das Familienleben eingreifenden Momenten suchte alle diese Elemente ihrer Macht wieder zu beleben und zu einer außerordentlichen Thätigkeit zu reizen. Sie brauchte hierzu nur ihre alten Werkzeuge wieder zu schärfen, ihr Räderwerk in lebhaften Gang zu bringen und die unermeßlichen persönlichen Interessen zu beanspruchen, die ihr auf ihrem alten Boden zu Gebote stehen. Hier ist es nun, wo unser Jahrhundert in seinem allgemeinen Charakter sich abermals abhebt. Man recapitulire sich alle die vielfachen Bestrebungen und Resultate, die in Politik, Industrie und Wiffenschaft sich uns zu erkennen gaben, und man wird einen Augenblick überrascht sein, der Kirche ihre neuen Anstrengungen so außerordentlich gelingen zu sehen. Wie weit eigentlich die protestantische Kirche ihre Herrschaft wieder ausgedehnt habe, läßt sich nicht gut bemeffen, da das äußerliche Symptom, die Besetzung der Pfarrstellen, zu sehr von den Maßregeln der Regierungspartei abhängt, dagegen der Kirchenbesuch wenigstens in den Städten ein sehr schwacher ist, und die gesammte Literatur, mit Ausnahme der kirchlichen Organe, sich ihr fortwährend feindlich zeigt. Dagegen ist es völlig offenbar, daß die katholische Kirche einen großen Einfluß auf die Mafien wieder erlangt hat, nachdem der gesammte Klerus sich der römischen Partei in die Arme geworfen. Hier aber zeigen die jüngsten Tage, daß dort eine Wendung wieder möglich wäre. So weit nämlich hat es unser Jahrhundert schon gebracht, daß der Gedanke eines Concils nicht allein zulässig, sondern auch ausführbar war, und daß diesem Concil Dogmen vorgelegt werden konnten und von ihm mit großer Majorität beschlossen wurden, welche die selbst im Mittelalter noch bestrittenen Grundsätze der Unfehlbarkeit des Papstes und seiner Machtfülle über alle weltlichen Reiche und der höchsten Intoleranz aufs Bestimmteste formulirten und als unbedingte Glaubenssätze feststellten. Hiermit aber scheint die hierarchische Tendenz das Maß überschritten und ihre Kraft in der Gegenwart überschätzt zu haben, und es ist möglich, daß unser Jahrhundert in seinem letzten Viertel auf diesem Gebiete noch neue Erscheinungen hervorbringe. Wie dem aber auch sei, das ist sichtlich, wie in der civilisirten Welt bei aller Wirkung der fortschreitenden Entwickelung unser Jahrhundert diesem kirchlichen Wesen und Gebühren noch einen großen Stoff geboten und neben den vielen und starken entgegengesetzten Triebfedern jenem noch Raum genug gewährte. — Gehen wir nun auf unser Judenthum über, so werden wir, wenn auch ein anderes, doch sehr ähnliches Bild erwarten. Das vorige Jahrhundert hatte hier mit Mendelssohn nur zwei Bestrebungen eröffnet, die in sich durchaus verwandt sind, und welche ihre entschiedene Motion auch in dem unsrigen behielten, nämlich die auf die Juden selbst zielenden Culturbestrebungen und der Kampf um die bürgerliche Gleichberechtigung. Beide eröffnete Mendelssohn, in letzterer Beziehung an seinen dessallsigen Vorläufer Menafie ben Israel anknüpfend, in ersterer durch Wiedererweckung des Bibelstudiums, durch ästhetische Gestaltung desselben (Psalmenübersetzung) und durch Einfluß auf Schule und Unterricht. Daß durch diese Culturentwickelung in den Juden auch auf den jüdischen Cultus in der allgemeinsten Bedeutung dieses Wortes eine bedeutsame Wirkung geübt werden müsse, ahnte er wahrscheinlich. Wir müssen dies wenigstens daraus schließen, daß er sich bereits dieser Wirkung entgegenstellte. Er erklärte das Judenthum für ein geoffenbartes, unveränderliches Gesetz, fteilich, bei seinem Mangel an geschichtlichen Begriffen, ohne anzudeuten, daß in diesem Gesetz, wie es bestand. Vieles nicht göttlich geoffenbart ist, auch als solches gar nicht ausgegeben worden, da ja der Talmud selbst die „Halacha vom Sinai" aussondert und feststellt. Hinsichtlich der Lehre ließ Mendelssohn auf dem Grunde der Einzigkeit Gottes jeder Zeit ihre freie Bewegung, wie er denn selbst einem rationalistischen Deismus huldigte, ohne ihn unmittelbar auf das Judenthum zu pflanzen. Wie gesagt, das Ringen nach bürgerlicher Gleichstellung und die Culturbestrebungen sind die entschiedenen Richtungen bei den Juden auch in unserem Jahrhundert geblieben; sie fanden in ihnen nur einen merkwürdig geringen Widerspruch. Versuche, wie im Großherzogthum Posen 1816, die bürgerliche Gleichstellung zu hintertreiben, gingen schnell vorüber. Die Anstrengungen, welche die Juden dafür machten, und die Zahl der jüdischen Schüler

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