Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1870)
- Date
- 1870-09-13
- Page
- Seite 719 (sequence 3)
- Language
- German
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719 meinem, Die mannigfaltigsten Hypothesen hervorbrachte, welche, gerade weil sie jetzt weniger im strengen Gewände der Metaphysik auftraten und sich scheinbar auf eine größere Maste von Facten stützten, eine große Verbreitung erlangten und in den allgemeinen Ueberzeugungen eine nicht geringe Verwirrung anrichteten. — Je großartiger aber die Erfolge unserer Zeit in der Industrie und den Wissenschaften sind, desto kläglicher sieht es in den Künsten aus. Es ist wahr, auch hier ist unser Jahrhundert nach einer Seite hin nicht gering anzuschlagen, nämlich was das Berständniß und die Geschichte der Künste betrifft, und in Folge dessen die größere Perbreitung der Geschmacksbildung. Nicht daß gerade die philosophische Auffassung und Theorie, die Aesthetik, bedeutend gewonnen, aber eine richtige Einsicht in das Wesen und die Eigenthümlichkeiten jeder Kunst, der Geschmack des großen Publicums an den höheren und ernsteren Kunstschöpfungen und eine richtigere Beurtheilung wurden nachdrücklich entwickelt. Dagegen hat die schöpferische Kraft, welche sich in Poesie und Musik in der letzten Hälfte des vorigen und im ersten Jahrzehend dieses Jahrhunderts so herrlich aufgeschwungen hatte, in jener einen überraschend schnellen, in dieser einen langsameren Niedergang gefunden, und wenn die Dichtkunst nur noch einen matten Flügelschlag besitzt, hat sich die Musik jener Geschmacksbildung zum Trotze zu mißgestalteten Zerrbildern verirrt. Die Malerei und Bildhauerkunst schienen einen neuen, viel versprechenden Aufschwung zu nehmen, aber die erstere beschritt bald sehr entgegengesetzte Wege, indem die eine Schule geradezu verhimmelte, die andere, jetzt vorwiegende, völlig realistisch wurde und neuerdings ihre hauptsächliche Befriedigung im grellen Colorit zu suchen scheint. Dieselbe Richtung befolgte auch die Bildhauerkunst, die nach schönem idealen Fortschritt schnell wieder zum Realismus herabsank, der in der getreuen Ausführung des Details seine Besriedigung sucht, und vorzugsweise die Portraitstatue zu seinem Inhalte macht. Die Baukunst endlich hat in ihrer bürgerlichen Seite sehr gewonnen und weiß hier Bequemlichkeit und Raumbenutzung mit Anmuth zu verbinden, sonst aber und in allen höheren Aufgaben ist sie ohne Stil und Charakter. — Wir stehen nun an dem endlichen Ziele alles geistigen Lebens, an der Religion. Da wir uns aber heute nicht die Aufgabe gestellt, in das Innere unserer Zeit, in den charakteristischen Gehalt an Gedanke und Sitte zu dringen, sondern nur die Erscheinungen derselben, wie sie sich in Wechsel und Wandel vor uns stellen, zu skizziren: so wollen wir auch nicht von der Religion selbst sprechen, und welche Herrschaft sie auf die Geister unserer Zeit ausübt. Wenn wir oben von den alten Mächten sprachen, welche gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zu verschwinden schienen und die mit dem zweiten Jahrzehend des laufenden Jahrhunderts aus ihren Schlupfwinkeln wieder hervorkamen, um noch einmal den hartnäckigsten Kampf mit dem Geiste zu unternehmen, welcher in der Entwickelung der Menschheit lebt: so dachten wir ganz besonders an die Kirche. Die katholische wie die protestantische, letztere in ihren zahlreichen Secten, waren im 17. Jahrhundert in einen Formalismus gerathen, der zu einer Erstarrung, zu einer Leblosigkeit führte. Die gewaltigen Geister des 18. Jahrhunderts zerbrachen die Rinde und weckten neues Leben. Ueberall machte sich der Rationalismus geltend. Die Folge blieb nicht aus. Aus dem Rationalismus entsprang die Kritik, die ihre Werkzeuge an den Prüfsteinen der Geschichte und der Sprachkunde, die sich so schnell entwickelten, schärfte und an dem Geiste und den Ergebnissen der Naturwissenschaften ihre Kraft außerordentlich stärkte. So erfloß aus der Vereinigung aller dieser Erscheinungen eine ausgedehnte Unkirchlichkeit, die sich, wie dies immer geschieht, auch zur Antireligiosität erweiterte. Es entstand das bunteste Gemisch in den Anschauungen und Tendenzen; denn selbst die Kritik artete bei der Lebhaftigkeit des vorherrschenden Geistes in Hypothesenjagd und dadurch in Verwirrung aus, aus welcher sich nur wenige sichere Resultate lösen ließen. Selbst die Mystik erhob als Gegensatz zum unbefriedigenden Rationalismus eine Zeit lang ihr Haupt, bis sie sich wieder zum Tischrücken und Geisterbefragen abfchwächte. Gegen dieses großartige, aber Pfad- und ziellose Treiben erwachte nun die Kirche zu einer Thatkraft, und in ebenso schnellem wie klarem Fortgange gewann sie in überraschender Weise eine Macht, die ihr nicht mehr zugetraut worden. Allerdings darf man nicht übersehen, daß hierbei die Neigung der herrschenden politischen Mächte von nicht geringem Einfluß war, daß die Gewalthaber der Kirche und der in ihr vorwiegenden Tendenz die nachdrücklichste faetische Unterstützung liehen, indem sie von der Meinung ausgingen, daß ihre Autorität durch die der Kirche dauernd gestützt werde. Die protestantische Kirche schied alle rationalistischen Elemente wieder aus, überwand die mittleren Phasen, die sich innerhalb ihrer zur Permittelung der Wissenschaft